NEIN ZUM KRIEG

Asylsuchender US-Deserteur André Shepherd. Foto: Connection e.V.

»Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin« – dieser Satz inspirierte die Friedensbewegung der 1980er Jahre, auch die Aktiven der Ortsgruppe Offenbach der DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen). Sie unterstützten DeserteurInnen und KriegsdienstverweigerInnen weltweit und gründeten schließlich vor 25 Jahren den selbstorganisierten Verein Connection e.V., dessen bis heute fortgesetzte Arbeit Rudi Friedrich in diesem Contraste-Schwerpunkt präsentiert.

ARIANE DETTLOFF, REDAKTION KÖLN

»Daß Menschwerdung dann beginnt, wenn einer sich von der jeweiligen Truppe entfernt, diese Erfahrung gebe ich hier unumwunden als Ratschlag an spätere Geschlechter« – diese Äußerung ist von Heinrich Böll, dem Verfasser der Kurzgeschichte »Entfernung von der Truppe«, überliefert. Deserteure wurden dagegen in der Bundesrepublik Deutschland - wie in den meisten anderen Staaten - lange als »Vaterlandsverräter«, »Drückeberger«, »Feiglinge«, »Wehrkraftzersetzer« oder »Kameradenschweine« diffamiert.

Nazi-Richter hatten etwa 1,5 Millionen Soldaten verurteilt, 30.000 davon zum Tode. 23.000 dieser Todesurteile wurden in der Tat vollstreckt. Erst nach langen zähen Kämpfen wurden schließlich 2002 wenigstens die »Opfer der NS-Militärjustiz« offiziell rehabilitiert. Der ehemalige Wehrmachtsdeserteur und Friedensaktivist Ludwig Baumann hatte 1990 zusammen mit etwa vierzig noch lebenden Wehrmachtsdeserteuren und einigen engagierten Wissenschaftlern und Historikern die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz gegründet, um eine Aufhebung der Unrechtsurteile durchzusetzen. Mit dem »Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege« ist dies schließlich gelungen.

Seither sind in verschiedenen deutschen Städten Denkmäler für Deserteure errichtet worden, etwa in Hamburg, Bremen, Hannover, Berlin, Potsdam und Köln. Literarische Anerkennung fanden sie beispielsweise in Werken von Boris Vian, Alfred Andersch, Heinrich Böll, Gerhard Zwerenz, Ingeborg Bachmann und Siegfried Lenz. Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas insbesondere während des Nationalsozialismus wird - so Ralf Buchterkirchen, Bundessprecher der »Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen« (DFG-VK) - dadurch erschwert, dass für viele Opfer als Dokument allein die Kriegsgerichtsakte – also das Protokoll der Täter – vorliegt. Darin wird unter anderem oft die »fehlende Manneszucht« derer, die sich dem Kriegshandwerk verweigern, angeprangert.

In der Tat hat das Militär stets und überall die übelsten Seiten von Patriarchat und Männerbünden hervorgekehrt. Um so verdienstvoller ist der Einsatz für alle, die die militärische Gehorsamsverweigerung praktizieren. Dazu gehören in zeitgenössischen Armeen, die auch Soldatinnen aufnehmen, zunehmend auch Frauen. Ihre Motive anzuerkennen und für eine menschenwürdige Behandlung von Fahnenflüchtigen und KriegsdienstverweigerInnen auch ganz praktisch einzutreten, haben sich die Aktiven von Connection e.V. zur Aufgabe gemacht – ein oft mühsames, aber auch immer wieder von (Teil-)Erfolgen belohntes Unterfangen. Es unterstreicht Hannah Arendts aus den Erfahrungen des Nationalsozialimus hervorgegangenes Postulat: »Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen«.

So ein Gehorsamsverweigerer ist der US-Deserteur André Shepherd. Er hat deshalb Asyl in Deutschland beantragt: »Ich wollte Amerika nicht helfen, Unschuldige zu ermorden« begründete er seine Entfernung von der Truppe. 2015 erhielt er dafür den Menschenrechtspreis von Pro Asyl.

Eine zeitgenössische innovative Variante des Sich-dem-Militär-Entziehens haben jüngst zahllose Ukrainer praktiziert. Sie erstellten online Karten, auf denen die Orte vermerkt sind, an denen die Rekrutierer üblicherweise Razzien durchführen. Männer und ihre Familien nutzten die Karten als Leitfaden, um diese Orte zu meiden. Das Phänomen hat sich schnell über das ganze Land ausgebreitet. Der Begleittext zu einer solchen regionalen Karte lautete: »Bevor du in einen Laden gehst, schaue nach, ob sich auf deinem Weg eine Patrouille befindet, ansonsten könntest du dich bald in den Gräben im Donbass wiederfinden.« Und mehr als Zehntausende wehrpflichtige Ukrainer haben das Land verlassen, um dem Kriegsdienst zu entfliehen. Und das größte Problem für die Rekrutierer des Militärs, so der Militärkommissar von Kiew, stellten die jungen Männer dar, die sich dazu entscheiden, vor den Augen der Regierung zu »verschwinden«. Sie ändern ihre Adresse und weigern sich, dies irgendeiner Regierungsbehörde mitzuteilen. Eine kreative Umsetzung des Mottos: »Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin« – leider aber immer noch zu wenig massiv realisiert, um Krieg wirklich unmöglich zu machen.

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