PFADE DURCH UTOPIA

Foto: Andrew / flickr.com (CC BY-SA 2.0)

Ein »Klima-Aufstand« in Großbritannien

Einen etwas anderen Schwerpunkt enthält diese Ausgabe der Contraste: Vier Seiten fortlaufenden Text über eines der ersten Klimacamps 2007 am Flughafen London Heathrow als Protest gegen den Bau einer dritten Landebahn.

Brigitte Kratzwald, Redaktion Graz

Allein im vergangenen Jahr gab es acht Klimacamps in Deutschland, dazu noch eines in Österreich und eines in Polen, und diese Liste ist möglicherweise nicht vollständig. Kaum zu glauben, dass diese Protest- und Organisationsform kaum mehr als zehn Jahre alt ist – ja, dass es die Klimabewegung selbst noch kaum länger gibt.

Klimacamps verbinden Widerstand mit der gelebten Praxis einer demokratischen und radikal ökologischen Gesellschaft. Jedes Camp ist ein Mikromodell einer solchen Form des Zusammenlebens. Zugleich jedoch, so schreiben die Autor*innen unseres Schwerpunkts, »muss auch dem selbstmörderischen Prozess entgegengetreten und Einhalt geboten werden. Kreatives Tun und Widerstand sind die dicht verwobenen Stränge radikaler Veränderung«.

Das erste Klimacamp fand 2006 in der Nähe eines Kohlekraftwerks im Norden von Yorkshire statt, das zweite, von dem dieser Schwerpunkt handelt, 2007 am Londoner Flughafen Heathrow. In das selbe Jahr fiel auch die Geburtsstunde der Klimabewegung in Deutschland. Den Anstoß gab die »Frustration darüber, dass die globalisierungskritischen Proteste anlässlich großer internationaler Gipfel der G8, der Welthandelsorganisation oder des Weltwährungsfonds ihr Überraschungspotenzial verloren hatten. Die globale Elite hielt einen Gipfel ab, wir protestierten, sie ließ Tränengas gegen uns einsetzen und ließ uns verhaften, und wir wiederholten das Ritual im darauf folgenden Jahr.«

Man suchte nach neuen, emanzipatorischen Protestmethoden, man wollte nicht den Gipfeln hinterherfahren, sondern selbst die Schwerpunkte setzen. Einige Aktivist*innen brachten zudem Inspiration von den englischen Klimacamps mit. Mit dem Begriff der »Klimagerechtigkeit« nahm die Bewegung einen Impuls vom globalen Klimagipfel in Bali auf, wo NGOs aus dem Globalen Süden ebenfalls 2007 das Netzwerk »Climate Justice Now!« gegründet hatten, um den Zusammenhang zwischen ökologischen und sozialen Themen deutlich zu machen.

Nach den Gipfelprotesten 2009 in Kopenhagen fand in Deutschland eine Umorientierung statt, die Aktivitäten konzentrierten sich mehr auf regionaler oder lokaler Ebene rund um die Themen Energieversorgung und Mobilität. Dazu gehören etwa die Aktivitäten des Berliner Energietisches oder die Forderungen nach Energiedemokratie oder gratis Öffis. Ein neuer Schritt hin zu radikaleren Protestformen und einer globalen Perspektive war 2015 die Kampagne »Ende Gelände«, wo sich alle Kräfte gegen den Kohleabbau bündelten. Die Klimacamps der letzten Jahre in den Abbaugebieten sind sichtbare Zeichen dieser neuen Energie.

Immer verbinden sich dort Wissenserwerb und -austausch, demokratisches und ökologisches Zusammenleben und radikaler Aktivismus. »Für viele Menschen, die sich alternative Lebensformen nie hätten vorstellen und noch weniger jemals hätten praktizieren können, ist so etwas wie das Klima-Camp eine unvergessliche Erfahrung, die sie tief prägt«, heißt es an anderer Stelle in dem Text zu Heathrow.

Der Schwerpunkt stammt aus dem Buch »Pfade durch Utopia« von Isabelle Fremeaux und John Jordan, das 2012 in der Edition Nautilus erschienen ist. Mit freundlicher Genehmigung durch den Verlag wurde das Kapitel zum Klimacamp entsprechend gekürzt und liest sich spannend wie ein Krimi. Wir wünschen viel Vergnügen beim Lesen.

Link: klimacamp.org


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die Schwedin Greta Thunberg demonstriert jeden Freitag für Klimaschutz statt in die Schule zu gehen. Beim UN-Klimagipfel in Kattowitz konnte die 15-Jährige für die Initiative »Climate Justice Now« eine Rede halten – und was für eine! Schonungslos redete sie Klartext. So meinte sie, dass den Politiker*innen die Entschuldigungen ausgingen: »Ihr sprecht nur von grünem, ewigem Wirtschaftswachstum, weil ihr Angst habt, unbeliebt zu sein. Ihr sprecht nur darüber, mit den gleichen schlechten Ideen weiterzumachen, die uns in diese Krise geführt haben, obwohl die einzige vernünftige Entscheidung wäre, die Notbremse zu ziehen. Ihr seid nicht erwachsen genug, es zu sagen, wie es ist. Sogar diese Bürde überlasst ihr uns Kindern.«

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