Oktober 2015 - Gesundheit, Gender & Selbstorganisation

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...und so geht es.

Die Wiederkehr des Eigensinns

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Unser Gesundheitssystem kriegt eine einfache Blasenentzündung nicht mehr los; ganz zu schweigen von vielen anderen Krankheitsbildern. Besonders fatal wirkt sich dabei aus, dass es darauf basiert, dass die Patient_innen gedankenlos geschehen lassen, was die Ärzt_innen verordnen und diesen wiederum die Zeit zum Zuhören fehlt.

Ich möchte mich immer so gut und so frei fühlen wie unter einem Rhododendronstrauch. Foto: cc (by-nc-sa): LauraM und Christoph Chrom

von Christoph Chrom, Berlin Vor Jahrhunderten, als der Kapitalismus noch eine leere Drohung war und die Aufstände der Weber_innen und Bäuer_innen nicht enden wollten, sollten Säuberungskampagnen von Kirche, König und Bürgertum die Eigensinnigen ein für alle Mal ausmerzen und nur noch die passenden Untertanen übrig lassen, wie uns Pauline und Roseanne in ihrem Gespräch auf Seite zwölf über Silvia Federicis grandioses Buch Caliban und die Hexe in Erinnerung rufen.

Natürlich war die Verfolgung weiser Frauen als »Hexen« nicht imstande, den Eigensinn auszurotten, da dieser überlebensnotwendig zu sein scheint. Wenn die Erzählerin auf Seite elf ihre Oma nicht gehabt hätte, was wäre dann aus ihr geworden, als sie nach der Geburt krampfte und blau anlief?

Selbst um viel weniger spektakuläre Krankheiten wie Blasenentzündung loszuwerden, brauchen wir scheinbar diesen Eigensinn. (S. 11) Und das fängt bereits bei der Frage an, ob frau krank ist oder bloß »wehleidig«. Wenn sie ihre Geschichte erzählt, kann eine Freundin bereits in den mitfühlenden Blicken mancher Zuhörerin lesen: »Ist mir auch schon passiert« oder »ich verstehe dich; ich weiß genau, wie sich das anfühlt« – von den Ärzten wieder weggeschickt zu werden mit den Worten: »Da ist nichts, das bilden Sie sich ein« oder: »Ihre Werte sind in Ordnung. Das muss psychosomatisch sein«. Obwohl sie schließlich als Kranke anerkannt wurde, musste sie nach Bologna fahren und auf eigene Kosten einen Spezialisten aufsuchen, um überhaupt eine Diagnose zu bekommen – und das mit den Symptomen einer Blasenentzündung!

Pathologisierung kann entwürdigend sein, aber ohne die Anerkennung einer Krankheit ist keine Heilung möglich. Das Problem unserer Gesellschaft liegt nicht immer darin, dass jemand für krank erklärt wird, sondern wie dies geschieht und welche gesellschaftlichen Folgen damit verbunden werden. Ist die Psyche mit gemeint, wird Menschen die Kontrolle über intimste Entscheidungen plötzlich entzogen. Aber selbst in der schlimmsten Psychose hat ein Mensch das Recht auf Selbstbestimmung und Schutz – manchmal vor sich selbst (S. 13 / 14).

Wir haben die Geschichten von Krankheit, Heilung, Gender und Selbstorganisation zusammengetragen, damit die vielen, denen es ähnlich geht, sich nicht so allein fühlen. Auf Seite 14 bieten wir Ausblicke, wie Menschen selbstbewusst mit Krankheit umgehen können.

Eine der Lehren, die wir aus dieser Auseinandersetzung gezogen haben: Eigensinn schützt. Höre nicht nur auf ärztliche Anordnungen, sondern auch auf dich und deine Bedürfnisse. Das ist nicht leicht, denn hinter den Ärzt_innen steht die Rationierung der Gesundheitsversorgung. Deine Gesundheit braucht nichts so sehr wie dich und den Austausch mit anderen Betroffenen. Bleibt eine Frage: Wann und wie wird unser Gesundheitssystem gesund?

Schwerpunktbeiträge Oktober 2015

LauraM, Berlin Medizin soll zuhören, nicht bestimmen. Weil die Schulmedizin versagte, halfen sich Frauen selbst- Interview mit Rosanna Piancone Gründerin des Internetforum cistite.info (cistite ist das italienische Wort für Blasenentzündung) italienische Fassung des Interviews

 

Von Ena Bonar und Christoph Chrom, Berlin Leinöl. Wie meine Oma ins Leben half so starb sie auch - eigensinnig und pragmatisch

Von Ena Bonar, Berlin Die Ungleichstellung von Frauen ist gemacht. Entrechtung von Frauen als Ergebnis kapitalistischer Regulation

Von Eva Willig, Berlin September-Frauenkräuter

Von Anne Seeck, Berlin "Ich bemerke eine Verrohung". Wie überleben psychotische Frauen in der Obdachlosigkeit?- Interview mit der wohnungslosen Sigrid und der Einzelfallhelferin Ruth.

Von Ena Bonar, Berlin 4 Minuten. Protkoll aus dem Call-Center-Alltag

Von Christoph Wild und Anne Seeck, Berlin Alternativen zur Psychiatrie? Weglaufhaus, Soteria, Krisenpension Von Ena Bonar, Berlin Antworten zu Brustkrebs

Von Christoph Chrom, Berlin Zeit, Zuwendung und Kontinuität organisieren. Praxen der Begleitung durch Krisen und Krankheiten


Aus dem Inhalt


Bakuninhütte wird Kulturdenkmal

Foto: Wanderverein Bakuninhütte e. V.

Seit 3. September steht die erste Geschichtsstätte der anarchosyndikalistischen Bewegung unter Denkmalschutz. Ganzen Beitrag lesen

Frauen-Kooperativen in Rojava

Mitglieder der Frauenbäckerei in Serekaniye
Foto: Anja Flach

Der Aufbau der Frauenökonomie stellt den dynamischsten Sektor im wirtschaftlichen Bereich von Rojava dar. Ganzen Beitrag lesen

Neuer Bioladen in Kassel

Die Kollektivist*innen lernen täglich dazu: Jonas (links) zeigt Peter (rechts) worauf er achten muss, wenn er den Käse für Kund*innen schneidet und verpackt. Foto: Regine Beyss

Seit Anfang August gibt es in Kassel wieder einen Mitgliederladen. Das "Schmackes"-Kollektiv möchte vor allem Produkte von regionalen Erzeuger*innen anbieten. Ganzen Beitrag lesen

Klimacamp

Klimacamp 2015
Foto: Paul Wagner, 350.org (CC BY-NC-SA 2.0)

Die Degrowth Sommerschule fand in diesem Jahr unter dem Motto "Rein in die Grube - Raus aus der Kohle" statt in der Nähe von Garzweiler statt. Sie nahmen mit anderen Aktiven zusammen an der Aktion "Auf geht's, ab geht's - Ende Gelände" teil. Ganzen Beitrag lesen

Solidarische Landwirtschaft

Neben gemeinsamer Arbeit gehört auch gemeinsames Feiern zum Selbstverständnis vieler SoLaWi-Projekte. Foto: Demeterhof Entrup 119

Der Gärtnerhof Entrup eG und die Wegwarte eG Salem stellen ihren organisatorischen Aufbau und ihre Arbeit vor. Um euch selbst zu informieren gibt es noch zwei Lesetipps zum Thema solidarische Landwirtschaft.

Foto: Privat

Schwarzfahren

Sie sind noch nicht viele, aber ihre Idee ist außergewöhnlich: Durch sogenanntes "offensives Schwarzfahren" wollen Aktivist_innen aus verschiedenen Städten den Nulltarif im öffentlichen Personenverkehr durchsetzen helfen.

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