Werkstätten des Wandels

Degrowth-Demo in Budapest 2016
Foto: Anja Humburg

Fünf Tage, vom 30. August bis zum 3. September, konferierten, debattierten, experimentierten und informierten mehr als 600 Teilnehmende, um die Degrowth-Bewegung voranzubringen. Degrowth wird meist als »Wachstumsrücknahme« übersetzt. Der Contraste-Schwerpunkt vermittelt Einblicke und Ausblicke von Beteiligten und Sympathisierenden.

ARIANE DETTLOFF, REDAKTION KÖLN "Wandelsblatt" - das war der treffende ursprüngliche Name der "Contraste", gegen den 1984 sofort das "Handelsblatt" vorging. Zu groß schien die "Verwechslungsgefahr" mit einem aufmüpfigen Alternativmagazin. Dass ein Wandel hin zu einer umweltverträglichen und gerechten Wirtschaftsweise mehr denn je notwendig ist und wie er aussehen kann, davon berichtete und berichtet "Contraste" unter dem neuen Namen unbeirrt weiter. Es gibt mittlerweile immer mehr Initiativen und Projekte, "Werkstätten des Wandels", die sich diesem Ziel verschrieben haben -auf unterschiedlichste Weise und unter diversen Bezeichnungen, von"Transition" über "Postwachstum" bis zu "Degrowth". Letztere Bewegung befindet sich gerade wieder im Aufwind. Ihre fünfte Konferenzin Budapest war mit Dutzenden international besetzten Workshops, Vorträgen und Podien ein von vielen Unterstützern (von wissenschaftlichen, kirchlichen und politischen bis zu staatlichen Institutionen) getragenes, viel beachtetes Ereignis- inklusive Festival, Konzerte und Performances. Dass es in einem postsozialistischen Staat stattgefunden hat, war neu und überraschend. Anja Humburgs Schwerpunkt-Beitrag "Gesundschrumpfen auf Ungarisch" geht darauf näher ein.

Begonnen hatte die Degrowth-Geschichte mit einem Eselsritt durch Frankreich. Francois Schneider propagierte so Entschleunigung und Wachstumsrücknahme. Gemeinsam mit anderen Wachstumskritiker*innen startete er am Fuß der Pyrenäen das Projekt "Can Decreix" ein"Postwachstumsort", wo mit ökologischer Produktion von Lebensmitteln, umweltverträglichem Bauen und erneuerbaren Energien experimentiert wird. In Budapest war Schneider mit dabei und stellte die Idee der "Offenen Regionalisierung" vor. In "offenen, vernetzten und regional verankerten Ökonomien zu leben" ist seine Vision der Degrowth-Bewegung. Das Lokale und die Beziehungen zu anderen Menschen müssten die Basis für Identität und Vergemeinschaftung werden, allerdings ohne damit neue Grenzen zu ziehen. Grenzen einreißen auch zwischen den Bewegungen, sie unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen,das ist Christiane Kliemanns Traum gewesen, als sie zu "Degrowth"stieß. Einige Konferenzen und zwei Sommerschulen im Klimacamp Rheinland später ist sie weniger euphorisch, aber keinesfalls frustriert,wie ihr Beitrag zum Contraste-Schwerpunkt zeigt. Leslie Gauditz und Johannes Euler loten in ihrer vergleichenden Betrachtung von Commons- und Degrowth-Bewegung deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus. Contraste-Schwerpunkt-Autorin Nina Treu blickt im Blog www.degrowth.de in die Zukunft und empfiehlt, demnächst statt einer mehrere Degrowth-Konferenzen gleichzeitig an verschiedenen Orten stattfinden zu lassen, um sie übersichtlich zu halten und Verkehr zu reduzieren. Laut Steffen Langes Fazit der Budapester Degrowth-Konferenz überwog bei den Wachstumskritikern dort die Ansicht, dass um eine Wachstums-Rücknahme zu erreichen,der Kapitalismus überwunden werden muss. Lange war als Mitglied des Leipziger "Konzeptwerks NeueÖkonomie" in Budapest dabei. Es sieht ganz danach aus, dass die Einsicht in die Notwendigkeit des Wandels international Raum greift. Doch merke: Die Wachstumswende kommt nicht wie das Morgenrot nach durchschlafener Nacht!

Infos unter: www.degrowth.de

        www. wachstumswende.de

Schwerpunktbeiträge Oktober 2016

VON CHRISTIANE KLIEMANN, LEIPZIG Gemeinsamer Suchprozess für eine anderer Gesellschaft. Wer oder was ist Degrowth, und wenn ja, wie viele?

VON ANJA HUMBURG, LEIPZIG Wachstumsbefreite Praktiken in Osteuropa. Gesundschrumpfen auf Ungarisch

VON NINA TREU UND MATTHIAS SCHMELZER, LEIPZIG Degrowth in Bewegung. Das Mosaik der Alternativen

VON NINA TREU UND CHRISTOPHER LAUMANNS, LEIPZIG Das A und O ist Einvernehmen. Basisdemokratisch geht’s besser

VON LESLIE GAUDITZ UND JOHANNES EULER, COMMONS-INSTITUT E.V. Ein Beitrag zur Perspektiven-Diskussion. Degrowth und Commons in Bewegung(en)

 

 


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