Das Leben ist kein Algorithmus

Plakatmotiv der Konferenz »Big Data – Leben ist kein Algorithmus«. Foto: BigData

ARIANE DETTLOFF, REDAKTION KÖLN

»Ist ein freies Leben überhaupt nochmöglich?« fragte die Zeitschrift Neon Anfang des Jahres angesichts derVerdatung unseres Lebens und ließihre Leser*innen mit dieser Frage im Regen stehen. Der Contraste-Schwerpunkt zu Big Data vermittelt immerhin Ansätze zur Gegenwehr. Gestaltet wurde er von den Veranstalter*innen des Kongresses »Leben ist kein Algorithmus – Solidarische Perspektiven gegen den technologischen Zugriff« in Köln im Herbst 2016. Hier konnte ein breiteres Publikum erfahren und diskutieren, welche Ausmaße das Datensammel-Unwesen heute schon hat, welche Aussichten drohen und wie wir darauf reagieren können.

Ein ermutigendes Beispiel unter anderen war eine Kampagne gegen Datenbrillenträger in San Francisco,die als »glassholes« (analog zu »assholes« – »Arschlöcher«) betitelt wurden. Hersteller Google stampfte das innovative »gadget« (= technisches Gerät) vorerst ein. Solche gesellschaftliche Ächtung ist allerdings bisher die Ausnahme. Gegen die totale Erfassung sämtlicher Einkäufe an den Supermarktkassen und deren Verarbeitung zu Metadaten regt sich kaum Widerstand. Und das Bargeld kommt allmählich gerade bei jüngeren Menschen aus der Mode. Die Debatte zu dessen kompletter Abschaffung ganz im Sinn von Finanzindustrie und»Sicherheits«-Behörden läuft.

Praktisch wurde der »Big Data«-Kongress mit seiner »Nachtschicht«. Dort übte mensch PGP-Schlüssel zuerzeugen, konnte Lockpicken üben, das Handy von seinen »Wanzen« befreien, eine Emailadresse bei einem Techkollektiv einrichten und das Umgehen von RFID-Chips lernen. Die »Radio Frequency Identification«, das heißt Identifizierung mit Hilfe elektromagnetischer Wellen, kann auf winzigen Chips an Mülltonnen, hinter Auto-Kennzeichen, im Personalausweis, in Mitgliedskarten oder in Kleidung zu finden sein. »Die Vorteile dieser Technik ergeben sich aus derKombination der geringen Größe, der unauffälligen Auslesemöglichkeit und dem geringen Preis«, heißt es in der Wikipedia-Enzyklopädie.

Selbstverständlich werden auch unsere Computerdaten ständig ausgelesen. Sie dienen nicht nur der wirtschaftlichen Ausschöpfung unserer Bedürfnisse als potentielle Kund*innen. Sie erleichtern auch die staatliche Überwachung unserer gesamten Verhaltensweisen und Beziehungen zueinander. Digitalisierung ermöglicht, Daten aus unterschiedlichen Quellen miteinander zu verknüpfen und mittels Algorithmen automatisiert Muster zu erkennen. So soll auf potentielle Gefahren oder »abnormes Verhalten« hingewiesen werden. Die Vernetzung unterschiedlicher Techniken kennt dabei kaum Grenzen: ob Drohnen im städtischen Raum, Echtzeit-Videoüberwachung, Durchsuchung von Websites und sozialen Netzwerken oder Ortungsdaten von mobilen Endgeräten.

»Ich habe doch nichts zu verbergen«, heißt es oft, auch von sonst durchaus denkfähigen Menschen. Diese naive Einstellung nutzen die Datenkraken aus, um möglichst viele unserer Alltagsaktivitäten hemmungslos auszuforschen. Nach der Lektüre dieses Contraste-Schwerpunkts wird derlei Unbedarftheit wohl kaum noch über die Lippen kommen.

Und wenn wir über den Tellerrand hinaus blicken, bereiten die Arbeitsbedingungen im Dienst unserer Digital-Geräte nicht nur in Afrika und Asien Kopf- und Seelenschmerzen. So müssen Kinder brutal hart in den (Coltan-) Minen im Kongo zur Gewinnung der seltenen Erden arbeiten, die zur Deckung unseres Smartphone-Hungers benötigt werden. Mitarbeiter*innen des multinationalen Unternehmens Foxconn, weltweit größter Hersteller von Elektronik- und Computerteilen, klagen: »Wir müssen noch mehr wie Maschinen sein als die Maschinen.«

Beim US-Online-Versandhändler Amazon, dessen Verteilstationen in unserer Nachbarschaft liegen, funktioniert das Ausbeutungssystem subtiler nach dem Prinzip der Selbstoptimierung. Zufrieden konstatiert Ray Kurzweil, Chef-Ingenieur von Google: »Der technologische Wandel wird so schnell sein, dass das menschliche Leben unwiderrufbar verwandelt wird.« Orwells »1984« ist längst überholt. 

Mehr Infos: https://bigdata.blackblogs.org/wp-content/uploads/sites/182/2016/06/Konferenz-Reader-web.pdf

Schwerpunktbeiträge Dezember 2016

VON EVA BRETTNER Fremdbestimmung durch IT-Eliten: Der technologische Angriff

VON SABINE NOLTEN Vermessung und Einpreisung: Healthcare – die Kolonisierung von Körper, Gefühl und Geist

VON JUSTIN HÖFFNER Elektronisches Zahlen verweigern: Cash is king - Bargeld für alle!

VON DETLEF HARTMANN  Die Stadt als weltweites Kampfterrain: Smart Cities und Vertreibung

VON LARS KREVEN Widerstände und neue Widerstands-Möglichkeiten: Raus aus dem User Dasein!

 

 


Aus dem Inhalt


NACHRICHTEN

Foto: Ulrike Kumpe

Viele Projekte waren dem Aufruf vom 28. - 30. Oktober von vio.me zum Kongress selbstverwalteter Betriebe gefolgt. Etwa 250 Teilnehmer*innen aus unterschiedlichen Projekten und Zusammenhängen und aus verschiedenen Ländern waren gekommen. Sogar Gäste aus Mexiko und Argentinien nahmen teil. Es
wurde in sieben Sprachen übersetzt. Das Programm war dicht gepackt und thematisierte viele Fassetten rund um das Thema Selbstverwaltung. Ganzen Beitrag lesen

GESCHICHTE

Foto: Mikhail Koltsov

Vor 80 Jahren erhoben sich in Spanien Millionen Menschen gegen den faschistischen Putsch des General Franco. Der Aufstand rechter Militärs vom 17./18. Juli 1936 markiert den Beginn des Spanischen Bürgerkriegs und entfachte zugleich eine soziale Revolution, für die es in der Geschichte nur wenige Beispiele gibt. Es war, mit den Worten des Historikers Walther L. Berneckers gesprochen, der »in seinem quantitativen Ausmaß historisch singuläre Versuch der Realisierung einer freiheitlich-kommunistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung«. An diese Revolution wollen im vorliegenden Beitrag erinnern. Ganzen Beitrag lesen

GENOSSENSCHAFTEN

Die Pflege von öffentlichen Parkanlagen ist eine von sechs Oasis-Arbeitsbereichen. Foto: Oasis

Sozialgenossenschaften sind in Italien erheblich verbreiteter als in Deutschland. Dies gilt auch für Südtirol, obwohl dies eine Region ist, die wirtschaftlich prosperiert. Sozialgenossenschaften werden dort unterstützt, um Benachteiligten bessere Chancen zur Integration in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Als Vorzeigeunternehmen gilt hier Oasis, eine der Südtiroler Sozialgenossenschaften, die im Bereich der Arbeitsintegration erfolgreich tätig ist. Sie feierte im letzten Jahr ihr 25. Jubiläum. Ganzen Beitrag lesen

KUNST & KULTUR

Foto: Privat

Vom 13. bis 23. Oktober fand das Trotzdem! - Festival in Halle statt. Wichtiger Veranstaltungsort war das Café Feez. Das Orga-Team bezeichnet sich selbst als bunten Haufen Menschen aus unterschiedlichen Kontexten. Ihr Ziel ist: Alternative hallesche Initiativen vernetzen, feiern und für die Öffentlichkeit erfahrbar machen. Ganzen Beitrag lesen

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