Solidarität ist ihre Stärke

Ein Aufkleber in Thessaloniki gegen die aktuelle Politik. Angela Merkel muss immer wieder an eine Tafel schreiben: Ich werde Europa nicht mit Austeritätspolitiken zerstören! Foto: Giovanni Lo Curto

Die Austeritätspolitik in Griechenland wird fortgesetzt. Die Projekte kämpfen weiter. Sie kämpfen um ihren Lebensunterhalt. Sie kämpfen außerdem um eine solidarische Gesellschaft. Sie beziehen Geflüchtete mit ein, obwohl sie selbst nicht mehr viel haben. In diesem Schwerpunkt stellen vier Projekte ihre aktuelle Situation dar.

ULRIKE KUMPE, REDAKTION BERLIN

Der Kampf um die griechische Gesellschaft und ihre Wirtschaft geht weiter. Es ist schade, aber wenig überraschend, dass der griechische Premierminister Alexis Tsipras auf individuelle Almosen setzt, um sich Wählergruppen zu sichern. Es ist ebenso wenig erstaunlich, dass der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble auf seinem Austeritäts-Kurs beharrt. Schäuble ist empört, weil griechische Rentner*innen ein Weihnachtsgeld bekommen haben. Eine Erhöhung der Renten hätte er aber auch nicht durchsetzen können. Der Ausverkauf des griechischen Staa­tes geht unvermindert weiter. Die 40-jährige Konzession für die 14 gewinnbringenden griechischen Flughäfen an die deutsche staatsei­gene Fraport AG - ein voller Gewinn. Die Bestimmungen des Konzessi­onsvertrages beinhalten vor allem Kosten für den griechischen Staat und Gewinne für den deutschen Betreiber. Selbst die Erlaubnis zu Investitionen in Griechenland ist begrenzt.

Als Nächstes wird es um die Wasserwerke Athens und Thes­salonikis gehen. Entgegen der Ankündigungen im Wahlkampf wurden durch Syriza jedoch keine Gesetze verabschiedet, die die vielfältigen Ansätze gemeinsamen Wirtschaftens stärken. Hier hätte das Bündnis eine Vorreiterrolle einnehmen können, doch Syriza setzt auf altbekannte Mechanismen. Die Projekte in Griechenland können sich nur selbst helfen. Auf Regierungsebe­ne kommen keine Impulse zu einer veränderten solidarischen und nach­haltigen Wirtschaft und Gesellschaft.

Es gibt Projekte, die wirtschaften am Rande der Existenz, wie die Nachbarschaftsinitiative aus Perama, die dringend Unterstützung benötigt und deshalb einen Beitrag geschrieben hat (Seite 11). Sie leben an einem Ort mit besonders hoher Arbeitslosigkeit, weil die Werften fast alle entlassen haben. Außerdem gibt es in Griechenland keine andauernde finanzielle Unter­stützung. Eine Gemeinschaftsküche muss her, damit viele Familien auch nur eine warme Mahlzeit am Tag bekommen. Es wird ein Ort, benötigt an dem viele Menschen mitkochen und essen können.

Wirtschaftlich besser aufgestellt ist aktuell vio.me aus Thessaloniki, dennoch sind sie weiterhin von Räumung und Zwangsversteige­rung bedroht. Auf das von Syriza versprochene Gesetz, das sie hätte legalisieren können, warten sie bis heute. In einem Interview schildern Dimitris und Giorgios Arbeiter desKollektivs von vio.me die aktuelle Lage (Seite 10). Es geht aber auch internationaler zu in der Projekte­landschaft: Das Projekt Agrio Gata ist ein neu entstandenes Projekt, das sich im Zuge des No Border Camps im Sommer gegründet hat (Seite 12). Dimitris, Arzt in der Solidarischen Klinik Thessaloniki berichtet über die Schwierigkeiten politischer Arbeit rund um die Klinik (Seite 9).

Es sind nur wenige Projekte, von den Unzähligen, die sich in Griechen­land seit der Wirtschaftskrise gegrün­det haben. Viele Menschen nehmen ihre Geschicke selbst in die Hand, unabhängig davon, was die Regie­rungen so treiben. Dennoch existie­ren sie nicht im luftleeren Raum, sie sind abhängig von Parlamenten auf griechischer wie europäischer Ebene, sowie neoliberalen Wirtschaftsinter­essen, die mittels politischen Drucks durchgesetzt werden (Seite 12). Sich diesem Druck zu widersetzen, und die aus der Not heraus gegründetenProjekte mit Erfolg durchzusetzen, ist nicht leicht – Solidarität ist dabei ihre Stärke.

Schwerpunktbeiträge Januar 2017

VON ULRIKE KUMPE, REDAKTION BERLIN Solidarische Klinik Thessaloniki: Selbstorganisation funktioniert

VON ULRIKE KUMPE, REDAKTION BERLIN Interview zur aktuellen Situation bei vio.me: Dieser Ort ist unsere Seele

VON DER FREIEN VEREINIGUNG VON PERAMA Gemeinsam kochen heißt nicht nur essen

VON ULRIKE KUMPE, REDAKTION BERLIN Anregungen zu einer Debatte: Projekte in der Krise

VON ULRIKE KUMPE, REDAKTION BERLIN Freie Werkstatt »Agrio Gata« in Thessaloniki: Ein offener Raum


Aus dem Inhalt


NACHRICHTEN

2016: Demo zur Verteidigunng der Arbeiterselbstverwaltung, gegen die Gebührenerhöhungen und gegen Entlassungen im öffentlichen Dienst. Foto: Zanon

Seit Jahren fordern die Kolleg*innen der Fliesenfabrik Zanon öffentliche Kredite, um ihre Maschinerie zu erneuern. Die Anträge wurden abgelehnt oder verzögert, zugesagte Kredite nicht ausgezahlt. Als die Kolleg*innen 2001 die Fabrik in Neuquén besetzten, um die Schließung zu verhindern – mitten in der Krise und kurz vor dem Aufstand in Argentinien – waren die Produktionslinien noch in brauchbarem Zustand. Inzwischen können sie mit den völlig veralteten Maschinen nicht einmal mehr ihren Lebensunterhalt erwirtschaften. Wieder nehmen sie den Kampf um ihre Arbeitsplätze auf, aber diesmal geht es um mehr. In Gefahr ist ein Projekt, das international zu einem Symbol für erfolgreichen Arbeiterwiderstand und kämpferische Selbstverwaltung geworden ist. Ganzen Beitrag lesen

PROJEKTE

Vorgesorgt - Ein Holzstapel der Kommune V13. Foto: Contraste

Im Wendland gibt es derzeit acht Kommunen, einige neue haben sich in der letzten Zeit gegründet. Fast alle haben eine gemeinsame Ökonomie. Übergreifend gibt es unter den Kommunen im Wendland den »freien Fluss« von Dingen, Produkten, Werkzeugen und Fähigkeiten ganz ohne Verrechnung untereinander. Seit gut fünf Jahren gibt es uns, die »Kommune Volzendorf 13«. Was bei uns alles so geschehen ist, wie unser Entwicklungsprozess war, habe ich in meiner ganz subjektiven Sichtweise aufgeschrieben. Ganzen Beitrag lesen

GENOSSENSCHAFTEN

Grit beim Beladen des Genossenschafts eigenen Kühlwagens. Foto: Kramer & Kutscher eG

Ein Biobauer, drei Kunden und eine Verkäuferin gründen eine Genossenschaft. Mit der Kramer & Kutscher eG wollen sie auf dem flachen Land in Mecklenburg die regionale Erzeugung von Bioprodukten ankurbeln und stärken. Gesundes Essen aus der Gegend. Ein wirtschaftliches und emotionales Abenteuer. Ganzen Beitrag lesen

BIOTONNE

Regisseur Marco Keller mit Kleinbauern bei einer Landbesetzung. Foto: Marco Keller/Agrokalypse

Mitte September vergangenen Jahres war für das Selbsthilfe-Netzwerk »Coordination gegen BAYER-Gefahren« (CBG) der schlimmste Fall eingetreten: »BAYER übernimmt für 66 Milliarden Dollar Monsanto.« Damit würde der mit Abstand größte Agrokonzern der Welt entstehen. Doch der Widerstand gegen diesen drohenden Monopolisten ist vielfältig. Ganzen Beitrag lesen

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