AUSGETAUSCHT

Foto: MOVE Utopia

Dass unser kapitalistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem immer heftigere Krisen hervorbringt, ist eine Binsenweisheit. Dass wir ihm kraftvolle positive Alternativen entgegensetzen müssen, auch. Wie es von hier aus jedoch weitergehen soll, bleibt oft seltsam diffus. Warum es immer auch um die Befreiung von Tauschlogik gehen muss.

Christiane Kliemann, Degrowth und Brigitte Kratzwald, Redaktion Graz

Die immer offensichtlicher werdende Unfähigkeit des Systems, die von ihm verursachten sozialen und ökologischen Katastrophen aufzuhalten, stellt auch eine einmalige Gelegenheit dar: die Not-Wendigkeit, unseren Umgang miteinander und mit der uns umgebenden Welt von Grund auf neu zu denken oder, besser, zu träumen. Das Alte funktioniert nicht mehr und das Neue ist noch nicht da. Aber wie entsteht das Neue? Doch nur, indem wir es mit möglichst viel Fantasie und Kreativität erschaffen: Je kühner die Träume und Utopien, desto eher wird die Zukunft ein Ort der Sehnsucht anstatt der Angst – immer vorausgesetzt, dass sich unsere Visionen von einer glücklicheren, gerechteren und nachhaltigen Welt widerspruchsfrei denken lassen.

Doch hier liegt der Hase im Pfeffer: Es scheint fast, als habe der Kapitalismus mit seinen Dauerbotschaften aus Werbung und sogenannten Traumfabriken sogar unsere Träume kolonialisiert. Der Aktivist John Jordan schreibt: »Er verspricht uns die Fantasie eines besseren Lebens, das immer noch besser gemacht werden kann. Fantasie ist der Brennstoff des Unterhaltungsgeschäfts, der Popkultur und der meisten Religionen und dennoch fürchten wir sie als politisches Werkzeug; wir misstrauen allem, was irrational scheint und verweisen es ins Kunstprogramm«. »Das ist doch naiv«, »das funktioniert nie«, oder »so ist der Mensch einfach nicht« tönt es hartnäckig aus unserem kolonialisierten Unterbewusstsein und so bleiben wir selbst in unseren Hoffnungen und Träumen innerhalb der Leitplanken des Systems – und damit weit hinter unseren Möglichkeiten zurück.

Um so wertvoller sind utopische Räume, in denen nicht nur visioniert und geträumt, sondern Utopien direkt gelebt und ausprobiert werden. Auch wenn es manchmal noch hakt und das Richtige immer noch mit dem Falschen verwoben ist, treten wir schrittweise den Beweis an, dass eine andere Welt eben doch möglich ist. Und da sowieso alles, was unser derzeitiges System angeht, auf die eine oder andere Weise auf Null zurückgesetzt werden muss, warum nicht gleich nach den Sternen greifen? Warum sich mit der Utopie eines weniger guten Lebens zufrieden geben, wenn es doch eigentlich noch besser ginge? Denn, wie der Name schon sagt, ist eine Utopie eben eine Utopie und die eine genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich wie die andere. Deshalb: Lasst uns nach den Sternen greifen, den Rahmen des Möglichen so weit wie es nur irgend geht ausdehnen und uns schrittweise von der Tauschlogik selbst befreien – der allertiefsten Wurzel kapitalistischer Logik. Denn kein Traum ist schöner als der von einer Welt rein nach Bedürfnissen und Fähigkeiten, die nicht nur geld- sondern komplett tauschlogikfrei ist.

Dieser Schwerpunkt versucht ein Porträt des Netzwerks »living utopia«, das genau mit solchen utopischen Räume experimentiert. Wegen der Vielfalt der Menschen und Ideen muss ein solcher Versuch notwendigerweise bruchstückhaft bleiben und kann bestenfalls einen Querschnitt zeigen. Auf Seite 9 erklären die AktivistInnen Friederike Habermann, die den Schwerpunkt auch koordiniert hat, und Tobi Rosswog, was es mit dieser Initiative auf sich hat und was ihre zentralen Ziele und Werte sind. Auf Seite 10 hat Friederike während einer Bauwoche Stimmen zum Thema Arbeit und Tätigsein eingefangen. Ein Bilderbogen vom aus dem Netzwerk hervorgegangenen MOVE Utopia Festival findet sich auf Seite 11 und auf Seite 12 nähert sich Luisa Kleine dem Thema Arbeit von einer ungewöhnlichen Seite: Welche Tätigkeiten wertgeschätzt werden, hängt auch vom Alter der Akteur*innen ab.

Schwerpunktbeiträge Juli-August

Brigitte Kratzwald, Redaktion Graz: Interview mit Tobi Rosswog und Friederike Habermann vom Netzwerk »living utopia« über utopische Inspirations- und Erfahrungsräume

Friederike Habermann, living utopia: Tauschlogikfreiheit geht nur ohne Arbeit

Gedicht und Fotoseite vom MOVE Utopia

Luisa Kleine, MOVE Utopia & Naiv Kollektiv: Adultismus als Diskriminierungsform

 

 

 

Aus dem Inhalt


NACHRICHTEN

Foto: Ende Gelände

In den letzten Jahren hat nicht nur die Aufmerksamkeit für den bedrohlichen Klimawandel zugenommen. Auch die Bewegung für Klimagerechtigkeit wächst. Immer mehr Menschen erkennen ihre eigene Verantwortung und schließen sich zusammen, um gemeinsam gegen die menschengemachten Ursachen der Klimakrise aktiv zu werden. Diesen Sommer gibt es vielfältige Camps und Aktionen in ganz Europa. Sie sind Orte gelebter Utopie, selbstorganiserter Bildung, Vernetzung und Sammelpunkt für direkte Aktionen. Ganzen Beitrag lesen

PROJEKTE

Foto: Andrea Schmidt

In Oldenburg haben Mieter*innen einer alten Arbeiter*innensiedlung damit begonnen, ihre Wohnungen gemeinschaftlich zu kaufen. Ziel ist es, günstigen Wohnraum und die gewachsene Vielfältigkeit der Bewohner*innenschaft zu erhalten. Ganzen Beitrag lesen

GENOSSENSCHAFTEN

Foto: Ethiquable

Kaffee aus dem Kongo, Kakao aus Haiti und Kochbananen aus Ecuador: Die Berliner Genossenschaft Ethiquable Deutschland eG arbeitet weltweit mit kleinbäuerlichen Kooperativen zusammen, um deren Bio-Produkte in Deutschland zu verkaufen und Zukunftsperspektiven für Kleinbauern zu schaffen. Sie betreibt solidarischen Handel mit demokratisch organisierten Produzentengruppen und versucht dabei, bewährte Prinzipien der Partnerkooperativen im Süden nach Deutschland zu übertragen. Ganzen Beitrag lesen

BIOTONNE

Foto: Herbert Sauerwein

Mit einer Mahnwache um zwei Minuten vor zwölf startete am 26. März 2018 die Aktionspräsenz der Kampagne »Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt« — ein Symbol für die Zeitspanne, auf die der Zeiger der Weltuntergangsuhr der US-Zeitschrift »Bulletin of the Atomic Scientists« Anfang des Jahres vorgerückt ist. Aktuelle Krisen, vor allem in Nah- und Fernost, sind die Ursache für diese Einschätzung. Bis zum Jahrestag des Abwurfs der US-Atombombe auf Nagasaki am 9. August 1945 dauert die 20wöchige Kampagne. Contraste-Autorin Ariane Dettloff sprach mit der Koordinatorin Marion Küpker. Ganzen Beitrag lesen

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