Gemeinsam gegen Rassismus

p Rund 10.000 kamen im letzten Jahr nach Berlin zur ersten Welcome United-Parade. Foto: Umbruch Bildarchiv

Die antirassistische Parade "We'll Come united" soll in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfinden. Für den 29. September mobilisieren Geflüchtete und Unterstützer*innen in ganz Deutschland, um gemeinsam ein großes und wirksames Zeichen für Bewegungsfreiheit und gleiche Rechte für alle zu setzen.

REGINE BEYSS, REDAKTION KASSEL

Mehr als 10.000 Menschen sind im vergangenen Jahr nach Berlin gekommen, um kurz vor der Bundestagswahl gemeinsam gegen rassistische Hetze zu protestieren. 100 Gruppen beteiligten sich an der langen Parade, 19 LKW wurden eigens geschmückt. Es war bunt, laut und beeindruckend - da waren sich Teilnehmer*innen und Medien im Anschluss einig: "Berlin im September 2017 war ein Fest und ein Anfang. Wir haben für unsere Stimme und unsere Rechte demonstriert, aber viel wichtiger noch - wir haben uns selbst neu gefunden: Wer und wie viele wir sein können", schreibt das bundesweite Netzwerk "We'll Come united" (siehe Infokasten).

Auch in diesem Jahr wollen die Organisator*innen wieder ein solches Zeichen setzen, denn weiterhin sterben Menschen im Mittelmeer, leben unter unmenschlichen Bedingungen in Camps und sind zunehmend mit rassistischer Gewalt konfrontiert. Im Gegensatz dazu soll die Parade für eine Politik der Solidarität stehen.

200 Organisationen, Initiativen, Cafés und Clubs, Vereine, Kulturinstitutionen, selbstorganisierte Migrant*innengruppen, Willkommensinitiativen, Künstler*innenkollektive und NGOs gehören zu den Erstunterzeichner*innen des Demo-Aufrufs. Darunter u.a. Lampedusa in Hamburg und Jugendliche ohne Grenzen, das Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland, mehrere Flüchtlingsräte, das Tribunal "NSU-Komplex auflösen", die Seenotrettungsorganisationen Sea-Watch und Jugend rettet, die NGO medico international, die Fußballclubs FC St. Pauli und SV Babelsberg 03 und das Hamburger Theater Kampnagel - Zentrum für schönere Künste.

Gegen rechten Diskurs

"Das Problem in ganz Europa heißt nicht Migration, das Problem heißt Rassismus", so Newroz Duman, Sprecherin des Netzwerks. "Allein in den letzten Wochen zieht sich ein roter Faden des Rassismus durch die Öffentlichkeit, der von der AfD über Christian Lindner, vom medialen Spektakel zu Ellwangen bis zur Neuregelung des Familiennachzugs reicht. Wir werden uns an diesem rechten Diskurs nicht beteiligen. Wir lassen uns nicht in 'gute' und 'schlechte' Migrant*innen spalten. Wir stehen auf der Seite all jener, die der täglichen Hetze, dem Grenzregime und der Entrechtung ausgesetzt sind und sich dagegen wehren. Je mehr Abschiebungen verhindert werden, desto besser."

Widerstand sichtbar machen

Das Netzwerk berichtet, dass allein im Jahr 2017 über 3.000 Menschen auf dem Mittelmeer gestorben oder verschwunden sind, weil sie Europa erreichen wollten. Im gleichen Zeitraum wurden in Deutschland 2.200 Angriffe auf Unterkünfte von Geflüchteten gezält. 180 Mal wurden solidarische Helfer*innen angegriffen. 950 Mal waren Muslime und muslimische Einrichtungen betroffen. Außerdem wurden 1.453 antisemitische Straftaten registriert. Über 5,5 Millionen Wahlberechtigte wählten bei der letzten Bundestagswahl die offen rassistische AfD.

Die Parade in Hamburg soll die Stärke und Vielfältigkeit der antirassistischen Bewegung zeigen, die zu oft unsichtbar bleibt. "Ob auf dem Mittelmeer, im Kampf gegen Abschiebungen oder in der Willkommensinitiative: Die gelebte Solidarität von Unzähligen ist die praktische Antwort auf den alten und neuen Rassismus", so Duman. Sie hätten längst angefangen, eine andere Welt zu bauen. Mit jeder gemeinsam erledigten Aufgabe und durch gegenseitige Hilfe sammelten sie neue Stärke. Ob bei der Behörde, auf dem Rettungsboot im Mittelmeer, beim Jobcenter, bei der Wohnungsbesichtigung oder in der Schule - sie würden nicht aufhören, alte und neue Machtstrukturen und das weltweite System des Kolonialismus zu bekämpfen. Die Aktivist*innen wollen sich nicht trennen oder spalten lassen. Ob "Deutscher" oder "Ausländer", ob "Flüchtling" oder "Sachse", ob aus Dortmund oder Damaskus, aus Afrin oder Athen, aus Kabul oder Kassel: Es gehe um alle - und um die Gesellschaft, in der wir miteinander leben wollen.

Seit Monaten sind Aktivist*innen von "We'll come united" im Rahmen einer "Swarming"-Tour in ganz Deutschland unterwegs. Sie besuchen Lager und abgeschiedene Unterkünfte von Geflüchteten und Unterstützungsgruppen, um die Menschen in ihren täglichen Auseinandersetzungen zu stärken. In Diskussionen und Austauschrunden, mit Ausstellungen und Filmausschnitten wollen sie zur Verbreitung von Widerstandserfahrungen beitragen. Dabei geht es unter anderem um Dublin-Abschiebungen in Europa, Bürger*innenasyl gegen Abschiebungen nach Afghanistan, die "neuen" alten Rückübernahmeabkommen, z.B. mit Pakistan und Äthiopien, Bildung für alle und die Isolation in den Lagern.

Aus vielen Städten wird am 29. September eine gemeinsame Anreise per Bus und Bahn nach Hamburg organisiert. Unter www.welcome-united.org sind alle aktuellen Informationen und Kontaktmöglichkeiten zu finden. Hier kann auch weiterhin der Aufruf "Gegen Abschiebung, Ausgrenzung und rechte Hetze - für Bewegungsfreiheit und gleiche Rechte für alle" unterzeichnet werden.

Mehr Infos: http://antiracist-parade.org/

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