Die Seebrücke-Bewegung organisiert sich

Das erste überregionale Treffen in Göttingen. Foto: Seebrücke

Als die Seebrücke sich nach der Festsetzung des Seenotrettungsschiffes »Lifeline« sowie der Anklage gegen dessen Kapitän Claus-Peter Reisch Ende Juni 2018 gründete und in Berlin zu einer Demonstration aufrief, konnte kein Gründungsmitglied ahnen, dass sie mit der Bewegung Seebrücke einem großen Teil der Bevölkerung aus dem Herzen sprachen. Viele Menschen hatten fassungslos die harte Linie Seehofers in der Asylpolitik, die Abschottung der europäischen Union auf Kosten von Menschenleben und die Kriminalisierung von Seenotretter*innen, die ebenjene Menschen retteten, verfolgt und wollten endlich ihre Stimme erheben. In rasantem Tempo gründeten sich Seebrücken in ganz Deutschland.

Jolanta Lisowski,Aktivistin bei der Seebrücke Kassel

Von Flensburg bis Konstanz, von Chemnitz bis Krefeld haben sich bis dato rund 140 Seebrücken gebildet, bei den Demonstrationen waren rund 150.000 Menschen. Nun drängt sich die Frage auf: Wie kann sich die Bewegung »Seebrücke« für die Zukunft aufstellen? Aktivist*innen des Gründungsteams der Seebrücke luden deshalb nun zu einem überregionalen Treffen in Göttingen ein. Aus 40 Städten reisten mehr als 70 Menschen an. Schon bei den ersten Gesprächen wurde das Bedürfnis des Austausches mit Aktivist*innen aus anderen Städten deutlich: Wie seid ihr aufgestellt, wie ist euer Unterstützungsnetzwerk, wie werdet ihr auf kommunalpolitischer Ebene wahrgenommen?

Die Erfahrungen in den jeweiligen Städten ist dabei sehr unterschiedlich. Yasmina, Aktivistin bei der Seebrücke in Magdeburg, konstatiert: »Die Seebrücke ist eine sehr heterogene Bewegung aus tollen Leuten mit viel Energie. Mir gefällt besonders die Solidarität innerhalb der Gruppe. Als ich unsere Schwierigkeiten der Ortsgruppe Magdeburg schilderte, waren sofort alle bereit uns da zu unterstützen. Und zwar nicht nur die Gruppe, sondern auch uns als Menschen. Ich konnte viel Energie aus dem Treffen für meine Arbeit in Magdeburg schöpfen.« Die Bewegung speist sich aus einem humanistischen Weltbild, und dementsprechend vielfältige Anknüpfungspunkte gibt es für das Engagement bei der Seebrücke. Viele der Aktiven arbeiten ehren- oder hauptamtlich mit geflüchteten Menschen zusammen, viele sind bei den NGOs der Seenotrettungsorganisationen aktiv, andere engagieren sich beim Umweltschutz, linken Gruppierungen, in der Kirche oder an der Uni.

Ebenjene Vielfalt der Mitglieder, so ein Resultat des Wochenendes, ist auch eine Stärke der Bewegung Seebrücke als Ganzes: Mit ihren klaren Forderungen spricht sie viele Menschen aus unterschiedlichen Lebenszusammenhängen an und möchte dies auch in Zukunft tun. So verständigten sich die Aktivist*innen an diesem Wochenende darauf, das Bewegungsmoment weiterzuentwickeln und zu stärken. »Ich empfinde den Bewegungscharakter der Seebrücke als sehr angenehm und empowernd, weil so alle Aktivist*innen und Ortsgruppen spontan und kreativ handeln können, ohne jeden Schritt erst zu zerdenken oder abnicken lassen zu müssen«, meint Maura aus Berlin, »das ist für mich genau das, was eine ›Bewegung‹ ausmacht: die aktive Dynamik.«

In diesem Sinn wird über Möglichkeiten diskutiert, die Partizipation vereinfachen und transparente Entscheidungsstrukturen schaffen sollen, wie der vorhandene Fundus an Wissen und Erfahrungen überregional gesammelt und somit für alle nutzbar gemacht werden kann. Dank eines großartigen Moderatorenteams konnte die bei rund 70 Aktivist*innen notwendige Diskussionsdisziplin auch eingehalten werden. Die Seebrücke-Aktivist*innen fuhren mit einem Gefühl der Stärke wieder nach Hause. Jörn, aktiv in Osnabrück, resümiert: »Das Treffen in Göttingen war insgesamt sehr motivierend. Zu sehen, wie viele Menschen sich in verschiedenen Bereichen für die Ideale der Bewegung einsetzen, gibt unheimlich viel Energie für die Arbeit vor Ort.«

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