30 Jahre Allerweltshaus Köln

Ein vielfältiges Programm im Schaufenster des Allerweltshauses in Köln. Foto: Klein

Das Allerweltshaus in Köln feiert in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag. Ein guter Grund, einen Blick auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser selbstorganisierten Bildungs-, Beratungs- und Begegnungsstätte zu werfen, die aus dem Leben von Köln nicht mehr wegzudenken ist.

CHRISTIAN KLEIN, KÖLN

1986 verschrieb sich in Köln eine kleine Gruppe ehemaliger Entwicklungshelfer*innen und engagierter Christ*innen der ambitionierten Idee, eine interkulturelle Begegnungsstätte in Köln zu schaffen, wo Kulturarbeit, politische Arbeit und soziale Arbeit koordiniert und vernetzt werden sollten. Dazu gründeten sie den Allerweltshaus e.V. und begannen damit, Unterstützer für ihr Projekt zu suchen. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden. Zur Jahreswende 1987/88 konnte der Verein ein kleines Ladenlokal in der Wahlenstraße in Köln-Ehrenfeld anmieten. Das Allerweltshaus (AWH) war geboren.

Ein Traumjob

Sophie Hennis ist Mitglied des Vorstandes und seit dreißig Jahren im AWH aktiv: »Für mich ist dieses Jahr auch ein Jubiläum, ganz persönlich, weil ich im Herbst 1988 als erste Hauptamtliche im AWH angefangen habe. Ich hatte mein Ethnologiestudium beendet und wusste noch nicht, wie es weitergehen sollte. Ich habe mit Studienfreund*innen eine Internationalismus-Reihe veranstaltet und kannte auch einige der Leute, die den Verein gegründet haben. Ich habe dann direkt losgelegt, habe eine Bibliothek aufgebaut und einmal wöchentlich Veranstaltungen organisiert, und eigentlich war das so mein Traumjob.

Wir haben 1988 auch mit dem ›Offenen Treff‹ angefangen. Das Haus stand jedem offen, auch abends. Viele Diaspora-Gruppen haben das AWH von Anfang an für ihre Treffen genutzt. Äthiopische Exilierte, afghanische Kriegsflüchtlinge und Iraner*innen, Argentinier*innen und Chilen*innen, die vor der Diktatur in ihrem Land geflohen waren. Die haben mit uns gemeinsam auch politische Veranstaltungen durchgeführt. Auch die Roma-Initiative wurde in unserem Haus gegründet, daraus ist dann der Rom e.V. entstanden.«

Full House

Durch den Umzug des Vereins in die Körnerstraße im Jahr 1995 konnte das AWH auf nun mehr 400qm noch mehr Initiativen und Mitstreiter*innen eine Heimat bieten, sodass heute über zwanzig verschiedene Vereine, Organisationen und Initiativen das AWH als Basis für ihre Arbeit nutzen können. Dazu gehören beispielsweise »Attac Köln«, »Kein Mensch ist illegal«, »Terre des Hommes« und der »Iranisch-Deutsche Frauenverein«. Durch die Schaffung fester Stellen konnte die Arbeit des Vereins im Lauf der Zeit immer weiter professionalisiert werden. Aber ohne das Engagement einer Vielzahl ehrenamtlicher Mitarbeiter*innen und Praktikant*innen wäre die Entwicklung des AWH zu einem interkulturellen Zentrum, das durch sein vielseitiges entwicklungs- und bildungspolitisches Engagement über die Grenzen von Köln hinaus bekannt ist, nicht möglich gewesen.

Getreu dem Motto der Gründer*innen treffen dort Bildung, Beratung, Begegnung und Aktion zusammen. Die alltägliche interkulturelle Begegnung wird unter anderem durch das »Café ohne Grenzen« und verschiedene Kursangebote gefördert. Auch das vom langjährigen Mitarbeiter des Hauses, Mohammed Mohammad, zubereitete Mittagessen führt täglich Mitglieder und Gäste zusammen. Das Beratungsangebot des Hauses umfasst Flüchtlings-, Migrations- und Sozialberatung. Dörte Mälzer leitet das Beratungsteam mit großem Einsatz: »Seit 1987 bin ich beim Verband Binationaler aktiv. Im Jahr 1992 mussten wir unser Zentrum auf Grund von Kürzungen der Stadt schließen und so zog der Verband ins AWH ein, wo später eine Stelle in der Beratungsstelle frei wurde, die ich seitdem innehabe. Highlights habe ich öfter in der Beratungsstelle, wenn zunächst aussichtslos erscheinende Sachverhalte durch meine Unterstützung dann doch einen positiven Ausgang für die Betroffenen nehmen.«

»List der Kunst«

Im AWH werden auch zahlreiche Projekte, insbesondere im Bereich der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit realisiert. Im Frühjahr 2009 wurde die monatliche Literaturreihe »Stimmen Afrikas« ins Leben gerufen. Bei den Veranstaltungen des Projekts werden afrikanische Autor*innen mit ihren auf Deutsch erschienenen Werken vorgestellt. Durch Lesung und anschließendes Gespräch entsteht ein lebendiger Austausch zwischen Autor*innen und Zuhörer*innen.

Christa Morgenrath leitet das Projekt, das ihr viel bedeutet: »Ich habe einige Jahre in Westafrika gelebt, in Gambia und auch im Senegal. Die Lust auf Afrika ist bei mir auch durch die Literatur entstanden. Ich wollte mit persönlichem Leben erfüllen, was ich mir angelesen hatte. Es war auch die Lust, sich dieses Europa mal von außen anzugucken und zu spüren, wie es sich anfühlt, ›fremd‹ zu sein.

Wir haben unter anderem auch Ausstellungen gemacht und Podiumsdiskussionen zu politischen Themen organisiert. Ein zentrales Format sind aber weiterhin unsere Autoren-Lesungen. Ich glaube persönlich an die List der Kunst: in dem Moment, wo das auch in einer schönen Form geschieht, hilft das, sich auf etwas anderes einzulassen, was man sonst vielleicht nicht wahrnehmen würde. Wenn mir das aber jemand gut und einfühlsam erzählt, habe ich eine viel größere Chance, mich dem anzunähern.«

Lateinamerika-Projekte

Leila Himbert und Fernanda Oliveira de Souza sind seit 2014 im AWH aktiv und leiten dort seit 2015 die Lateinamerika-Projekte. Von 2015 bis 2017 betreuten sie das Projekt »Menschenrechte Brasilien – Politik – Kultur«. Aktuell leitet Leila Himbert das Projekt »Lateinamerika: global-nachhaltig. Chancen und Risiken der Entwicklungsprozesse mit der Agenda 2030«. Sie sagt: »Wir wollen Stimmen aus Lateinamerika sprechen lassen, wie zum Beispiel zu Armut und Ernährungssouveränität in Mexiko oder dem Kohleabbau in Kolumbien. Demnächst bringen wir auch ein Factsheet heraus, zum Thema Monokulturen in Brasilien und der Rolle der Agenda 2030. Auch Fernanda Oliveira de Souza hat gerade ein neues Projekt begonnen. Seit Oktober leite ich das Projekt ›Allerweltshaus Dekolonial‹. Es geht darum, für Menschen, die in der politischen Bildungsarbeit tätig sind, Fortbildungen und Workshops zum Thema Postkolonialismus, Rassismus und den daraus aktuell resultierenden Machtverhältnissen zu organisieren. Denn viele Machtstrukturen, die heutzutage existieren, sind immer noch von der Kolonialgeschichte geprägt.«

Netze knüpfen

Seit 1996 beherbergt das AWH auch Promotor*innen-Stellen für die Region Köln/Rhein-Erftkreis, die im Auftrag des Eine Welt Netz e.V. entwicklungspolitische Bildungs- und Vernetzungsarbeit leisten. Was genau diese Promotor*innen leisten, erklärt Anne Gebler-Wagenbach, die seit über zehn Jahren im AWH aktiv ist: »Die Stellen werden aus Bundes- und Landesmitteln finanziert. Die Aufgabe der Promotor*innen ist die Grundlagenarbeit, also in ihrer Region Initiativen, Aktionen, und Veranstaltungen zu bündeln und im wahrsten Sinne des Wortes zu promoten. Wir unterstützen also das Engagement im entwicklungspolitischen Bildungsbereich. Dazu gehört einerseits Beratung zu Finanzierung, zu Öffentlichkeitsarbeit und zum Aufbau von Veranstaltungen, Seminaren und anderen Aktivitäten.

Zum anderen gehört zu den Aufgaben die übergeordnete Vernetzung und Bündelung von Gruppen und Projekten, also das Nutzen von Synergien. Beispielsweise haben wir vom Land NRW den Auftrag bekommen, die afrikanischen Diasporagemeinden und Communities aufzusuchen, um zu schauen, wie entwicklungspolitische Bildungsarbeit zwischen den afrikanischen Communities und dem ›Eine-Welt‹-Netzwerk besser vernetzt werden kann. Ohne das AWH wäre die Promotor*innenarbeit sicher nicht so erfolgreich, denn durch die Zusammenarbeit mit Gruppen und Netzwerken im Haus multiplizieren sich die Möglichkeiten.«

Unabhängiges Radio »alleweltonair«

Einen wichtigen Teil des AWH bildet seit 2005 auch die Radiogruppe »alleweltonair«, deren Bürgerfunk-Sendungen regelmäßig auf Radio Köln gesendet werden und als Podcast auf der Homepage des Projektes und auf Soundcloud nachgehört werden können. Viktoria Hytrek koordiniert das Projekt seit 2017 und sieht dessen Rolle wie folgt: »Das Radioprojekt ist eine Art Bindeglied zwischen den Projekten und bietet die Möglichkeit, die Themen des Hauses, die eigentlich sehr rational und auf der Diskussionsebene behandelt werden, auch mal kreativ umzusetzen. Das Projekt entwickelt sich stetig weiter, und da wir nicht direkt von Förderern abhängig sind, die Projekte zumeist nur für einen bestimmten Zeitraum unterstützen, haben wir auch kein Auslaufdatum und deutlich weniger nervende Bürokratie.«

Denis Mandela stammt ursprünglich aus dem Kongo und lebt seit vielen Jahren in Köln. Über Umwege kam er 2015 zum Radioprojekt. »Mein erster Kontakt mit dem Allerweltshaus kam dadurch zustande, dass ich eine Beratungsmöglichkeit für einen Freund gesucht habe. Ich habe ihn zur Beratungsstelle im AWH begleitet und dann gemerkt, dass es dort sehr viele verschiedene Möglichkeiten gibt, aktiv mitzumachen. Ich finde, dass das AWH ein sehr wichtiger Ort ist, den es in dieser Form nirgendwo sonst gibt und den man unterstützen sollte.«

Zukunft ungewiss

Das Allerweltshaus beherbergt noch zahlreiche weitere bedeutsame Projekte, wie beispielsweise seit 2007 »Erinnern und Handeln für die Menschenrechte« und seit 2017 »Köln - global nachhaltig«. Aber trotz der wichtigen Aufgaben, die das AWH im gesellschafts-, bildungs- und entwicklungspolitischen Bereich erfüllt, ist sein Standort derzeit nicht gesichert. Der Besitzer der Immobilie will das Haus umbauen und renovieren. Dies würde auch eine drastische Mieterhöhung für den Verein bedeuten, die mit den vorhandenen Mitteln nicht zu bewältigen wäre. Derzeit werden Verhandlungen mit der Stadt Köln und dem Besitzer geführt, um eine Lösung für das Problem zu erreichen. Trotz dieser Schwierigkeiten feiert das AWH sein 30-jähriges Jubiläum mit zahlreichen Veranstaltungen, und die Mitarbeiter*innen und Unterstützer*innen blicken mit trotzigem Optimismus in die Zukunft. Nicht umsonst lautet das Motto des Allerweltshauses in diesem Jahr: »AWH 30 Jahre – Jetzt erst recht!«

Link: www.allerweltshaus.de

Spendenkonto: IBAN:DE55 4306 0967 4036 1804 01, BIC: GENODEM1GLS GLS Bank

 

Christian Klein ist Historiker, freier Journalist und Blogger. Seit 2017 engagiert er sich im Radioprojekt des Allerweltshaus.

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