Hofkollektive: Parallelstruktur oder Inselkultur?

Foto: Hans Wieser

Der Ausgangspunkt zur Gründung des Hofkollektivs Wieserhoisl vor elf Jahren war für uns das Anliegen einer grundlegenden und radikalen Veränderung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse, die weltweit von Herrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung geprägt sind. Dem wollten wir mit Schritten hin zu einem Gesellschaftssystem, das uns und allen anderen auch gut tut, begegnen. Dafür gibt es keine vorgefertigten Modelle, aber einige gangbare Wege, die vor allem von der Bereitschaft zum Experimentieren leben.

Hofkollektiv Wieserhoisl, Österreich

Wir freuen uns sehr, gemeinsam mit »Longo maï« in Kärnten zu den ersten politischen Land-Kollektiven in Österreich gehört zu haben und gefühlt viele weitere Projekte ermöglicht, ermutigt und inspiriert zu haben. Je länger und je mehr Projekte es gibt, umso möglicher wird es für mehr Menschen, sich auch dafür zu entscheiden. Um gesellschaftlichen Wandel umzusetzen braucht es aber klar mehr als nur den Aufbau einer Paralellgesellschaft in Form von Kollektivprojekten.

Am Wieserhoisl war uns von Anfang an wichtig, nicht das Paradies für uns erschaffen zu wollen. Keine Insel, sondern eine Halbinsel gegen den Strom, wie es Friederike Habermann nennt. Das Veränderungspotential, das aus Hofkollektiven hervorgehen kann, ist vielfältig. Die Kraft liegt in der jahrelangen und konsequenten Praxis. Das Gelernte aber auch weiterzugeben, ist oft gar nicht so einfach. Klar ist auch, dass wir in dieser Blase sehr viele Privilegien besitzen und es uns schwer fällt, diese zu teilen. Das erfordert konstantes Bemühen und Überwindung, unbequeme Wege zu gehen. Das gelingt immer wieder. Besonders gut gelingt dies dort, wo Zusammenhänge entstehen.

Wie 2015 etwa das Netzwerk für Willkommenskultur in Deutschlandsberg, ehrlich offene Kulturveranstaltungen sowie Lebensmittelnetzwerke. Auch die Inspiration durch die Zapatist*innen und die kurdische Organisierung wirkt. Sich in größeren Zusammenhängen verbindlich zu organisieren, ist durch das Wachsen der Bewegung immer mehr denkbar und praktizierbar. Erste Ansätze dazu finden sich in Österreich z.B in der projekteübergreifenden Hofkollektivvernetzung »EasyCheesy«, im habiTAT (siehe Seite 5) und anderen gerade wachsenden Strukturen in Österreich.

Jetzt ist 2018, die Gründung des Wieserhoisls ist jetzt über zehn Jahre her und vieles ist erlebbar und greifbar geworden. Menschen sind gekommen und gegangen. Menschen sind gestorben, ausgezogen, eingezogen und hineingeboren worden. Die gemeinsame Landwirtschaft und Ökonomie, konsensorientierte Entscheidungsfindung, Emo-Plenas und Infrastruktur wurden erprobt, verändert, angepasst und immer wieder überprüft.

Seit der Gründung gibt es die Auseinandersetzung mit dem Wunsch nach einer solidarischen Gesellschaft, in der jede Arbeit den gleichen Wert erhält. Durch das Leben einer gemeinsamen Ökonomie und die konstante Auseinandersetzung mit dem Thema hat sich bei uns vieles bewegt in den letzten Jahren. Die Bewertung und Wertschätzung der verschiedenen Tätigkeiten hat sich verändert. Doch immer wieder kippen wir in Muster, bewerten Lohnarbeit anders als die Arbeit am Hof, im Haus, mit den Kindern. Die gemeinsame Ökonomie ist hier ein praktisches Tool: Diese unterschiedlichen Bewertungen heben sich in der Praxis dadurch auf, dass jede* den gleichen Zugang zu unseren gemeinsamen Ressourcen hat. Dadurch und durch die vielen Gespräche weicht sich Erlerntes auf und der Zugang zu Wert und Arbeit verändert sich. Auch die Tatsache, dass wir uns gegenseitig ökonomisch abfedern, öffnet da viele Möglichkeiten. Wir können uns überlegen, was wir gerade tun wollen und müssen nicht sofort einen Job annehmen, um Geld zu verdienen.

Gemeinsame Ökonomie und Arbeit

Durch das Leben in Gemeinschaft können Ressourcen schonender genutzt werden. Wir teilen uns die Autos, die wir durch unsere Abgeschiedenheit leider brauchen. Wir nutzen eine Waschmaschine, einen Geschirrspüler, wir organisieren uns unser Holz zum Heizen und für warmes Wasser aus unserem Wald. Wir nutzen unseren Platz, um vieles wiederzuverwerten und zu verwenden, was noch nicht schrottreif ist.

Gerade das Landleben macht es möglich, Dinge auch zu lagern. Der Raum ist unbegrenzter als in der Stadt und günstiger in der Erhaltung. Wir möchten dafür sorgen, dass dem Land, auf dem wir leben dürfen, nur Gutes zugeführt wird und es den zukünftigen Generationen lebendig zur Verfügung steht.

Lernen auf Gruppenebene

Die Selbstversorgung mit Lebensmitteln am Hof und die gemeinsame Organisation der Produktion und Verteilung sind wichtiger Teil von Selbstermächtigung und Autonomiegefühl. Sich am Hof und im regionalen Lebensmittelnetzwerk unabhängig von Agrar- und Lebensmittelindustrie bewegen zu können, ist ein wichtiger Anlass für Menschen, sich zusammenzuschließen und sich zu organisieren. Deshalb sind die Arbeit und das Leben am Land wichtig als Teil der Bewegung. Der Boden ist Basis dafür. Also auch der Umgang mit dem Boden und das Wissen rund um den Boden. In den Jahren ist das Wissen am Wieserhoisl gewachsen und es macht Spaß dieses Wissen auch an die zahlreichen Besuchenden und Helfenden weiterzugeben. Um Vielfalt in der Natur und im Garten erhalten zu können, braucht es kleinbäuerliche Landwirtschaft – als Teil des Viacampesina-Netzwerks kämpfen wir für Land und gegen die Agrar- und Pharmaindustrie.

Die Gruppe als Organisationsform ist ein sehr lebendiger Spiegel. In der klassischen Kleinfamilie habe ich vor allem meine*n Partner*in als Gegenüber, im Hofkollektiv ist es ein ganzer Kreis von Menschen, die mir zeigen, wer ich bin, wo meine Grenzen, meine Konturen sind und vieles mehr. Auch das Gefühl, geborgen und gut aufgehoben zu sein, ist ein sehr bestärkendes Moment. Die Gelegenheit, sich vertrauensvoll zusammen zu organisieren, ist für uns ein wichtiger Aspekt für eine gesamtgesellschaftliche Veränderung. Die »westliche« Gesellschaftsform ist geprägt davon, vereinzelt und individuell zu handeln. Für z.B. die Zapatist*innen ist die gemeinsame Organisierung das Schlüsselelement zur Überwindung der kapitalistischen Hydra. Kollektive können genau das üben: Die eigene Meinung nur als eine Meinung von vielen anerkennen, Dinge nebeneinander stehen lassen, beweglich werden, um gemeinsame Schritte gehen zu können, Vertrauen üben, Kontrolle abgeben, Verantwortung übernehmen, sich als Teil von etwas Größerem begreifen lernen. Für all das kann die Gruppe ein geeigneter Lernraum sein. Außerdem bietet die Gruppe die Möglichkeit, sich gegenseitig für Aktivismus unterschiedlichster Art freizuspielen, z.b. für Unterstützungsarbeit, Demonstrationen, Geflüchtetenunterstützung. Und wir können gegenseitig füreinander Bezugsgruppe für Aktionen sein. Die kollektive Kraft spornt an, Dinge zu entwickeln und voranzutreiben, wie Gründung einer Foodcoop, Kulturveranstaltungen, CSA, Lehr- und Lernbaustelle, SommerKino und ganz viele andere Dinge, die alleine nicht möglich wären.

Das enge Miteinander ermöglicht uns, Empathie und Verständnis füreinander zu entwickeln. Im gemeinsamen Leben und Organisieren tauchen aber auch viele Widersprüche auf. Konflikte wollen ausgetragen und Themen angesprochen werden. Eine* will etwas umsetzen, die andere* ist dagegen. Ansichten gehen auseinander. Die Arten, Dinge umzusetzen unterscheiden sich. An diesen Reibungspunkten können sich Neid, Groll und entwertende Gefühle entwickeln. Mit diesen Gästen will dann gearbeitet werden, weil sie sich sonst tief hineinschrauben und die Atmosphäre trüben, in der wir im engen Raum miteinander sind. Um immer wieder rauszugehen aus dem Mangeldenken ins Ermöglichungsdenken. Durch regelmäßige Emo-Plenas und Unterstützung von Außen kommen wir – erstaunlicherweise – immer wieder zum nächsten gemeinsamen Schritt.

Queerfeminismus leben

Eine permanente Auseinandersetzungen in der Gruppe bringt uns dazu, die gesellschaftlich geprägten (Geschlechter-) Rollen zu hinterfragen und aufzubrechen. Auch wenn es für durchwandernde Einheimische ein ungewohntes Bild ist, eine weiblich sozialisierte Person am Traktor zu sehen. Wir erkennen an, dass es für Frauen* in der Landwirtschaft zu einer Vielfachbelastung kommt. Die Form des Hofkollektives bietet hier den Raum, zusammen Landwirtschaft zu betreiben und zeitgleich dem gesellschaftlichen Konstrukt von Geschlecht entgegenzuwirken.

Bei uns am Hof leben im Moment auch drei Kinder und eine Jugendliche. Für uns alle ist es wichtig, dass die Kinder hier mit relativ viel Freiraum (vor allem im Vergleich zur Stadt) aufwachsen können. Sie erleben viel unbeaufsichtigten Raum und durch die Naturnähe verlieren sie die Scheu vor dem Lebendigen. Sie bekommen unsere Plena und Diskussionen mit und bilden sich ihre eigene Meinung. Durch die große Anzahl an Meinungen der Erwachsenen lernen sie, dass Meinungen nur Meinungen sind und es davon so viele wie Menschen gibt. Eine gewisse Autonomie ist bei all unseren Kindern erkennbar. Auch der Bezug von den »quasi-Geschwisterkindern« zueinander ist sehr stark. Durch das Kollektiv können Verantwortlichkeiten geteilt werden. Nicht nur in Bezug auf Kinder, sondern auch wenn es um Krankheiten oder Pflege geht.

Nach dem Verfassen dieser Zeilen wird uns selbst auch wieder klarer, warum wir wichtig finden, was wir machen. Im Alltag selbst kann das mitunter untergehen. Vieles von dem, was weiter oben benannt wurde, hat in der Alltagsauseinandersetzung bei weitem nicht den Raum, den es haben könnte und trotzdem ist nichts davon unausgesprochen. Nach wie vor glauben wir daran, dass die Organisationsform des Kollektivs und die Bewirtschaftung und Bereitstellung von Boden und Raum wichtige Teile eines gesamtgesellschaftlichen Wandels darstellen.

Link: www.wieserhoisl.at

 

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