Räumung von RiMaflow abgewehrt

Foto: RiMaflow

Die Arbeiter*innen von RiMaflow sowie zahlreiche Unterstützer*innen versammeln sich am frühen Morgen des 28. November 2018 vor dem Werkstor ihrer Fabrik, die sie vor über sechs Jahren besetzt und sich wieder angeeignet haben. Sie wenden sich gegen die Räumung, die für diesen Tag wieder einmal angesetzt ist. Gleichzeitig findet ein runder Tisch statt mit RiMaflow, der »Prefettura« (Vertretung der Zentralregierung in den Provinzen), UniCredit (italienische Großbank und Eigentümerin der Fabrik) und der lokalen Caritas. Im letzten Moment wird eine Einigung erzielt: Die Räumung ist bis zum 30. April 2019 aufgeschoben. RiMaflow soll einen neuen Standort in derselben Gemeinde erhalten. Für die Arbeiter*innen ein Erfolg. Für sie war entscheidend, dass ihr Projekt weiter besteht.

Rolf Lindemann, Berlin

Frühjahr 2009: 330 Arbeiter*innen sind in der Fabrik des internationalen Konzerns Maflow in Trezzano sul Naviglio beschäftigt, einem Ort der Industrieperipherie Mailands. Sie produzieren Rohre für Auto-Klimaanlagen. Die Auftragsbücher sind voll. Im Mai 2009 wird die Produktion aufgrund von betrügerischer Insolvenz eingestellt.

Die Übernahme durch einen polnischen Konzern endet mit dem Abtransport der Maschinen Ende 2012. Zahlreiche Aktionen konnten die erneute Schließung nicht verhindern. Inspiriert von den Erfahrungen der besetzten Fabriken in Argentinien haben einige Arbeiter*innen überlegt, sich die Fabrik anzueignen und diskutiert, wie sie sie sinnvoll nutzen könnten. Es entstand die Idee, die Fabrik für Recycling zu nutzen. Im Januar 2013 besetzten zunächst 20 Arbeiter*innen die Fabrik, ein Gelände von drei Hektar.

Widerständige Solidarität

Die erste Phase stellte sie vor sehr komplexe Aufgaben: Einüben in Selbstverwaltung, Erwirtschaftung von Einkommen, Arbeiten an der Infrastruktur, Schaffung der Voraussetzungen für die Recycling-Produktion, Initiativen der Vernetzung mit dem Territorium. Mit der Gründung eines Vereins und einer Kooperative wird die Legalisierung von RiMaflow eingeleitet; nicht mit der klassischen hierarchischen Organisation, sondern in Selbstverwaltung: Alle Entscheidungen werden in der Vollversammlung getroffen.

Im Mai 2018 habe ich RiMaflow persönlich kennengelernt und war tief beeindruckt, was dort entstanden war. 2015 war das »Haus der gegenseitigen Hilfe« eingeweiht worden. Knapp 60 Arbeitsplätze in 33 Werkstätten waren entstanden: Tischler*innen, Polster*innen, Schlosser*innen, Kunsthandwerker*innen, Reparateur*innen von Fahrrädern, Computern und anderen Geräten..., einzelne Handwerker*innen bzw. kleine Kollektive – ein Verbund der gegenseitigen Unterstützung.

In einer Halle wurde mit dem Recycling von Papier aus alten Tapeten experimentiert, mit selbst produzierten Maschinen. Eine gut funktionierende Kantine sowie eine kleine Likörproduktion waren entstanden.

2014 animierten sie die Entstehung von »Fuori Mercato – Autogestione in Movimento« (»Außerhalb des Marktes – Selbstverwaltung in Bewegung«), einem nationalen Netzwerk von bäuerlichen und städtischen Projekten. RiMaflow wird zentraler Ort der Lagerung und des Vertriebs von »FuoriMercato«. Mittlerweile sind 120 Arbeiter*innen in diesen weit verzweigten Bereichen aktiv und können, wenn auch bescheiden, davon leben.

Die augenfälligen unglaublichen Entwicklungen von RiMaflow in diesen Jahren waren aus meiner Sicht möglich, weil sich dort ein vielfältiges Kollektiv gebildet hatte: Frauen und Männer zwischen 25 und 70 Jahren, viele qualifizierte Handwerker*innen und Arbeiter*innen, Migrant*innen, jahrzehntelange Gewerkschaftsaktivist*innen, linke Katholiker*innen: Reichtum der Diversität.

Diesem Reichtum nach innen entspricht auch die Vielfalt der Vernetzungen, Kooperationen und gegenseitiger Hilfe, in die RiMaflow mittlerweile eingebunden ist. Von FuoriMercato und dem libertären bäuerlichen Netzwerk »Genuino Clandestino« zu den GAS (ital. Food Coops), »Libera«(großes linkskatholisches Netzwerk), der lokalen Kirchengemeinde, der Caritas und FIOM (linke ital. Metallarbeitergewerkschaft) und anderen Gewerkschaften; nicht zu vergessen die internationalen Vernetzungen mit Sem Terra und den argentinischen Fabriken in Selbstverwaltung sowie dem europäischen Netzwerk der rückeroberten Fabriken (u.a. Fralib und Vio.me). Vom 12. bis 14. April 2019 organisiert RiMaflow das dritte Vernetzungstreffen unter dem zentralen Thema: Widerständige Solidarität.

RiMaflow ist entstanden in der Krise des italienischen Kapitalismus und seiner Unfähigkeit, die Lebensexistenz der Menschen zu garantieren. Für die Arbeiter*innen ist klar: Selbstverwaltung alleine reicht nicht aus. Sie muss widerständig und konfliktbereit sein; vor allem dann, wenn sich selbstverwaltete Projekte nicht mit einer Nischenrolle bescheiden wollen. Wenn ein Unternehmer nicht mehr produzieren kann oder will, dann soll er gehen. Den Arbeiter*innen sollten dann als Entschädigung für die erlittene Kündigung die Fabrik und die Maschinen überlassen werden.

Dank ihrer Phantasie, Widerständigkeit und großen Offenheit zur Kooperation lebt RiMaflow.

Raus aus der Nische

In den letzten Monaten wurden sie noch einmal auf eine harte Probe gestellt. Angeklagt der »Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zum Zweck des illegalen Handelns mit Abfällen« wird der Direktor ihrer Kooperative, Massimo Lettieri, Ende Juli verhaftet. Ein absurder Vorwurf. Die Polizei sperrt die Halle der Recycling-Produktion, die Konten und Computer der Kooperative werden beschlagnahmt. Die Arbeit der Kooperative ist blockiert. Sie kann keine Löhne auszahlen, Sozialbeiträge und Steuern abführen. Dazu kommen Rechtsanwaltskosten, Prozesskosten etc. Es entsteht ein großer wirtschaftlicher Schaden, von mehr als 150.000 Euro.

Sie haben viel Solidarität erfahren. Aber um die Existenz von RiMaflow und ihren Arbeiter*innen auch in den nächsten schwierigen Monaten zu sichern braucht es weitere Spenden.

Ass. Fuorimercato; IBAN: IT79 D083 8633 9100 00000470387; BIC: ICRAITRRAQ0; Verwendungszweck: Donazione

Wenn ihr RiMaflow unterstützen wollt, unterschreibt die Soli-Erklärung. In deutscher Sprache zu finden unter: https:// rimaflow.it (»Firma e fai firmare l'appello«).

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Was bedeutet eigentlich Selbstverwaltung?
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