Anarchistische Selbstorganisation in Griechenland

Foto: Lenkeit/Klässig

Das ehemalige Kino K-Vox wurde 2012 besetzt und nach einigen Wochen von der Polizei geräumt. Innerhalb weniger Stunden eigneten sich Aktivist*innen den Gebäudekomplex wieder an. Seitdem hat sich K-Vox zu einem wichtigen Zentrum für selbstorganisierte Strukturen entwickelt und beherbergt unter anderem eine kostenfreie Gesundheitsklinik.

Anja Lenkeit und David Klässig, Köln

In Griechenland hat der Anarchismus als politische und gesellschaftliche Ideologie traditionell eine höhere Akzeptanz als in der Bundesrepublik und stellt bis heute die größte außerparlamentarische politische Gruppe dar, welche sich keiner Partei zuordnet. Bei der Suche nach einem alternativen Modell nach dem Ende der UdSSR und der gleichzeitigen Neoliberalisierung Griechenlands durch die sozialdemokratische Partei wurden in einer anarchistischen Gegenkultur Räume besetzt und, ähnlich der Jugendzentrumsbewegung in Deutschland, selbstverwaltete Räume geschaffen. Zeitgleich solidarisierte sich die Bewegung mit Zuwandrer*innen aus den ehemaligen Ostblockstaaten, leistete praktisch Unterstützung und schuf Treffpunkte für diese. Während der vermehrten Ankunft Transit-Geflüchteter in Athen wurden vor allem durch Gruppen des anarchistischen Spektrums Unterstützungsstrukturen geschaffen.

Mittels Besetzungen wurde für Wohnraum gesorgt und eine kostenfreie Gesundheitsklinik eingerichtet. Diese befindet sich nahe der Universität, mitten im Stadtteil Exarcheia, einem Hotspot der politischen Aktion. Unter Syriza hat es sich etabliert, dass die Verwalter*innen öffentlicher Gebäude Besetzungen nicht anzeigen und somit, im Gegensatz zu privaten Gebäuden, keine Räumung erfolgt. Indes kommt eine Mietlösung für die Aktivist*innen nicht infrage, da sie nicht Teil des jetzigen Systems werden wollen. Neben der Klinik im rechten Teil des Gebäudes befindet sich im linken Bereich eine große Bar mit Außenbereich. Alle Einnahmen aus Getränke- und Bücherverkauf kommen politischen Gefangenen und sozialen Projekten zugute, zudem gibt es aktuelle Solidaritätskassen, wenn beispielsweise Genoss*innen dringend Medikamente benötigen, die sie selbst nicht bezahlen können. Für eine breitere Versorgung ist die Gesundheitsklinik Self-organised Health Structure (ADYE) des K-Vox eingerichtet worden. Alles begann mit der Einrichtung einer Medikamentenausgabe, für welche die Nachbar*innenschaft um nicht benötigte Medikamente gebeten wurde. Mittlerweile ist eine, wiederum durch persönliche Spenden, gut ausgestattete Praxis entstanden, in der psychologische, zahnärztliche, radiologische oder allgemeinmedizinische Dienste angeboten werden, zusätzlich gibt es für Migrant*innen Übersetzungshilfen.

ADYE versteht sich als soziales Projekt, das den Menschen in den Mittelpunkt der Gesundheitsversorgung stellt. Das Angebot richtet sich an die gesamte Nachbar*innenschaft, steht aber grundsätzlich für jede*n offen. Zu Beginn des Projekts war ein großer Teil der Bevölkerung Griechenlands krisenbedingt ohne Krankenversicherungsschutz, das heißt Behandlungen, Medikamente und Visiten mussten komplett selbst erstattet werden, sodass aus finanziellen Gründen Personen der Zugang zur Gesundheitsversorgung verwehrt blieb. Seit der Versicherungsreform (2016) unter Syriza hat sich der Patienten*innenkreis verkleinert, aber vor allem für Menschen ohne Papiere ist die Versorgung wichtig, wegen der teuren Medikamente und den zahnärztlichen Behandlungen, welche immer noch selbst zu zahlen sind.

Für die Aktivist*innen gilt: Es wird kein*e Patient*in abgelehnt, selbst wenn diese Person homophobe oder xenophobe Einstellungen hat und damit im kompletten Gegensatz zu den Werten des Projekts steht. Alle Entscheidungen werden in einer wöchentlichen, offenen Versammlung getroffen, in der durch direkte Demokratie Konsensentscheidungen angestrebt werden. Da hinter dem Projekt keine einheitliche politische Ideologie steht, wird auf der Basis dieser gemeinsam getroffenen Vereinbarungen gearbeitet. Ein ehrenamtlicher Arzt erwähnte, dass im Gegensatz zu seiner Arbeit im Krankenhaus, in dem aufgrund des Personalmangels keine Zeit für die Patient*innen bleibt, im ADEY engere Beziehungen mit diesen aufgebaut werden und selbige dazu angeregt werden, auch über ihre persönliche Lebenslage mit den Ärzt*innen zu sprechen.

Bisher beschränkt sich das Angebot auf westliche Medizin, jedoch ist eine Ausweitung in Planung. Damit selbst bei einer möglichen Räumung die Anonymität der Patient*innen abgesichert ist, gibt es ein internes Kodierungssystem, bei dem der Datenschutz gewährleistet wird, jedoch die unterschiedlichen ehrenamtlichen Ärzt*innen die jeweiligen Patient*innen zuordnen können. Obwohl ADYE nicht mit staatlichen Behörden oder NGOs zusammenarbeitet, sind alle Leistungen kostenfrei und selbst für Dienste, die nicht vor Ort erbracht werden können, besteht ein solidarisches Netzwerk. Falls eine Patient*in etwas zurückgeben möchte, wird diese Person ermuntert, sich in ihrer jeweiligen Nachbarschaft zu engagieren , denn Gelder von den Patient*innen werden nicht angenommen.

Im Projekt geht es nicht um Philanthropie, sondern darum, selbstorgansierte Solidaritätsstrukturen aufzubauen, mit denen die Menschen schließlich autonomer werden und zu einer neuen Form von sozialer Freiheit finden können. Eine Ehrenamtliche fasste die Idee dahinter folgendermaßen zusammen: »Gemeinschaftliche Projekte in der Nachbarschaft zu integrieren braucht Zeit. Die Krise bringt einen dazu, sich allein und hoffnungslos zu fühlen. Es braucht Zeit, Verbindungen zu knüpfen, aber wenn sie entstanden sind, halten sie ein Leben lang. Der Mensch kann nicht allein leben.«

 

 

Wir lernen reisend

Anja Lenkeit und David Klässig sind SozialwissenschftlerInnen, die im Zuge mehrerer Forschungsreisen selbstorganisierte Projekte in Griechenland und Spanien besucht haben. Das Ziel war es, mit den Beteiligten über die Themen Soziale Bewegungen, Selbstorganisation und Institutionalisierung zu sprechen, um sich ein eigenes, ungefiltertes Bild zu verschaffen. Im Sinne der Projekte und der dahinterstehenden Philosophien sind sie zu dem Schluss gekommen, dass sie diese für alle interessierten Personen zugänglich machen möchten. Jeden Monat stellen sie in der CONTRASTE eines der Projekte vor.

Mehr auf ihrem Blog unter: www.wirlernenreisend.wordpress.com

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