Leben ohne Kühlschrank

Foto: Sebastian Ritter

Eine Kleinfamilie in Leipzig lebt seit mehr als drei Jahren ohne Kühlschrank. Sebastian Ritter, 37, Filmemacher, Andrea Perrault, 36, Journalistin und ihr Sohn Otis Perrault, 1 ½, schonen so Klima und Umwelt und kommen damit bestens zurecht, hat Contraste-Redakteurin Ariane Dettloff im Gespräch mit Sebastian erfahren.

Seit 2016 lebst du mit deiner Familie ohne Kühlschrank. Was hat euch motiviert, dieses sonst allgegenwärtige Küchenmöbel abzuschaffen?

Ich wurde durch meine Freundin darauf gebracht. Sie hat das erste Mal davon gehört im Zusammenhang mit einer Reportage, die sie zu dem Thema gemacht hat. Sie befasst sich viel mit Umweltthemen und hat damals in Frankreich verschiedene Familien besucht, die aus ökologischen Gründen ohne Kühlschrank leben. In Südfrankreich hat Andrea unter anderen eine alleinerziehende Mutter besucht, die schon lange ohne Kühlschrank auskommt. Die hat sie beeindruckt und so inspiriert, dass sie das gerne auch selbst mal probieren wollte.

Warst du denn auch gleich damit einverstanden?

Sie hat mich überzeugen können, indem sie meinte: Jetzt ist ja sowieso Winter, wir stellen erst mal die Sachen, die kühl stehen sollen, auf die Terrasse! Dann sind wir umgezogen – und da war es das Fensterbrett. Ein großes Fensterbrett hilft enorm. Und im Sommer, wenn es heiß wird, haben wir einen Wüstenkühlschrank.

Wie funktioniert denn der?

Es sind zwei richtig große Terrakottatöpfe, die man ineinanderstellt. Etwa einen halben Meter Durchmesser hat der äußere. Zwischen den beiden Töpfen sollte eine Spalte von 3-5 cm bleiben, in diefüllst du Sand. Und dann wird jeden Morgen mit einer Gießkanne ein bisschen Wasser in diesen Sand gegossen. Die Verdunstung des Wassers sorgt dafür, dass die Terrakottatöpfe kühl bleiben. Wenn man dann noch einen Deckel aus Terrakotta oder Ton aufsetzt, ist der alternative Kühler fertig.

Wie klappt das?

Ganz gut. Wir haben dann allerdings gemerkt, dass der für uns gar nicht unbedingt nötig ist, weil wir meistens frisch einkaufen und kein Fleisch essen oder nur ganz selten, Fisch dann auch am selben Tag kochen - wenn wir den mal kaufen. Wir haben gemerkt: Ja, es hilft manchmal, wenn im Sommer die Temperaturen hoch steigen.

Welchen Vorteil habt ihr durch den Wegfall eines Kühlgeräts? Ist zum Beispiel eure Stromrechnung niedriger?

Ja. Auf jeden Fall. Das merken wir ziemlich deutlich. Ich schätze mal, dass wir dadurch zehn Euro monatlich weniger zahlen. Bei anderen soll es sogar 300 bis 400 Euro jährlich ausmachen. Man kann ja die Kühlung beim Händler nutzen: Wenn wir Besuch bekommen zum Beispiel und möchten ein kaltes Getränk anbieten, dann gehe ich hier unten um die Ecke in den Kiosk. Aber die Hauptsache ist für uns nicht das Geld, sondern die Schonung von Klima und Umwelt.

Gibt es sonst noch Vorteile beim kühlschrankfrei Leben?

Ich finde es sehr angenehm, nicht immer dieses Geräusch in der Küche zu haben. Es spart außerdem auch Platz. So konnten wir anders als unsere Nachbarn mit dem gleichen Wohnungsgrundriss einen Esstisch in unsere Küche stellen.

Mit dieser kühlschrankfreien Lebensweise ergibt sich automatisch auch eine andere Art einzukaufen, das heißt, dass man weniger Plastik kauft, weil man mehr auf den Markt geht, um frisches regionales unverpacktes Gemüse zu kaufen. Das regionale Marktgemüse und -obst hält sich auch länger, haben wir festgestellt, als die Sachen, die schon ewig durch die Welt getourt sind.

Habt ihr dadurch, dass ihr jetzt sparsamer einkauft, auch weniger Reste und weniger Müll?

Genau: Wir haben viel Biomüll, aber viel weniger Plastikmüll als ich vorher. Andrea hat schon länger nachhaltiger gelebt. Ich habe das so ein bisschen von ihr übernommen. Aber auch davon abgesehen merke ich, dass unsere Müllproduktion sich seit der Abschaffung des Kühlschranks verändert hat.

Wird denn euer Biomüll kompostiert?

Ja, wir geben ihn in den Gartenkompost. (Zusammen mit Freunden haben wir einen kleinen Garten, wo wir auch Gemüse anbauen.)

Wie bewahrt ihr denn Essensreste auf?

Wir vermeiden, dass welche anfallen. Ich habe festgestellt: Mit einem elektrischen Kühlschrank kommt es vor, dass man sich Mittags etwas kocht, es bleiben Reste, aber Abends hat man keine Lust auf das gleiche Essen. Dann bleibt es im Kühlschrank stehen und wird leicht vergessen. So war es jedenfalls bei mir, als ich noch allein lebte. Aber jetzt haben wir uns angewöhnt, dann Abends noch etwas dazu zu kochen und zu variieren. Und dann wird es auch gegessen.

Hast du früher auch tiefgekühlte Fertiggerichte konsumiert?

Als ich noch allein gewohnt habe, ja. Aber der große Tiefkühlfan war ich nie. Und seit ich fünfzehn bin, bin ich Vegetarier. Auf Fleisch zu verzichten, wo viele sagen: ja, das muss gekühlt werden, das ist mir nicht schwergefallen - da waren schon mal ein paar Hürden abgebaut. Wir haben auch gemerkt: Eier sollen gar nicht in den Kühlschrank.

Warum nicht?

Weil sie eine poröse Schale haben, durch die benachbarte Aromen im Kühlschrank eindringen, so dass sie dann auch danach schmecken.

Man hat ja so vieles im Kopf, wo man sich denkt: Ah, das muss in den Kühlschrank, weil wir so aufgewachsen sind - weil es uns so beigebracht wurde. Und weil im Kühlschrank auch diese Plastikschälchen für die Eier sind. Dadurch ist man indoktriniert und geprägt von einer Kühlschrank-Kultur. Dabei ging es wunderbar noch bis in die 60er Jahre auch ohne!

Hast du das noch erlebt bei deinen Großeltern vielleicht?

Nicht wirklich, aber wenn man sich mal anschaut, wann die Kühlschränke nach Europa kamen, dann ist das eine sehr kurze Zeit. Zuvor hatten wir immer Alternativen gefunden, zum Beispiel im Keller, wo wir die Dinge gelagert haben oder in einer Speisekammer. Früher wurden die Häuser auch so gebaut, dass die Speisekammer kühl lag, an der Nordseite oder zum Innenhof, mit einem sehr kleinen Fenster. Eine russische Freundin hat mir erzählt, dass dort in die Hauswände kleine Kühlschränke integriert wurden, die nach außen gingen. Jede Kultur, jede Umgebung hat ihre Lösungen gefunden, und das Wissen ist eigentlich auch noch da.

Der Gesundheitsaspekt spielt auch eine Rolle: Stark gekühlte Speisen müssen vom Körper wieder auf dessen Eigentemperatur aufgeheizt werden …

Richtig. Ich bin kein Spezialist darin - aber die ayurvedische Küche oder auch die traditionelle chinesische Medizin, die sind sensibel dafür, dass unser Körper Energie braucht, um die Speisen wieder aufzuwärmen.

Spielt auch der optische Aspekt eine Rolle?

Wenn man wie hier bei uns Obst und Gemüse nicht im Kühlschrank hält, sondern sichtbar in Körben und Schüsseln, bereichert das die Küchenästhetik. Bananen hängen hier auch mal an der Wand. Das ist ein Augenschmaus und man hat auch immer präsent, wie viel noch da ist.

Ist es denn so, dass ihr jetzt öfter einkaufen müsst als vorher?

Ja, wir gehen eigentlich jeden Tag oder manchmal jeden zweiten einkaufen - Wir haben das Glück, dass hier unten ein kleiner Bioladen ist. Es ist natürlich schwieriger, wenn man eher außerhalb wohnt und auf ein Auto angewiesen ist.

Ist ein Effekt der Kühlschranklosigkeit vielleicht auch, dass ihr jetzt mehr kocht?

Das kommt mir nicht so vor. Aber wir greifen auf altes Wissen zurück, Konservieren zum Beispiel. Einmachen ist prima, Fermentieren ist super gesund und schmeckt uns. Butter braucht man gar nicht zu kühlen, sie hält sich auch so. Gern stellen wir auch reines Butterfett her, das indische Ghee, das ist noch länger haltbar. Man kann Obst dörren. Wir entdecken auch traditionelle Methoden des Lagerns: Äpfel nicht neben anderes Obst zu legen ist wichtig, weil sie das Reifegas Ethylen ausströmen – es beschleunigt auch den Reifeprozess anderer Früchte und verkürzt deren Haltbarkeit. Gut dagegen wirken Äpfel neben Kartoffeln: Sie verzögern das Auskeimen. Oder Salat zum Beispiel kannst du in feuchte Tücher wickeln und so Verdunstungskälte nutzen. Wenn man einen Garten hat, kann man ein Erdlager einrichten.

Und worauf verzichtet ihr? Etwa auf ein Eis-Dessert?

Das bringen manchmal Gäste mit. Oder wir können auch mal zu den Nachbarn gehen und sagen: Hej, wir haben gerade etwas, das gekühlt werden muss - können wir das bei euch in den Kühlschrank stellen?

Wie hat denn euer Umfeld reagiert? Was meinen Freund*innen und Verwandte dazu, dass ihr ohne Kühlschrank lebt?

Im Großen und Ganzen sind sie interessiert - sie fragen: Warum macht ihr das? Und wie? Wirklich negative Reaktionen gab es bislang nicht.

Gibt es Nachahmende?

Nein, noch nicht, aber es gab schon Interesse an diesem Wüstenkühlschrank zum Beispiel. Den zu sehen, das hat schon ein paar Leute zum Nachdenken gebracht.

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