Hausbesetzung für obdachlose Frauen

Am Morgen des 16. März stiegen Mitglieder und Freunde der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) auf eine Leiter, die sie von ihrem LKW geladen hatten, und schlugen im ersten Stock des städtischen Wohnhauses Bergisch Gladbacher Straße 1006 ein Fenster ein. Sie stiegen in das große Erkerzimmer des denkmal geschützten Jugendstilgebäudes und hängten ein Transparent aus einem Fenster, auf welchem stand: »Obdachlose Frauen brauchen Wohnraum« und darüber in roter Farbe: Ihr werdet uns nicht los«.

RAINER KIPPE, SSM (KÖLN)

Das geräumige Haus mit acht Wohnungen hatte viele Jahre als städtische Obdachlosenunterkunft gedient. Seit 2013 standen die Wohnungen leer, weil angeblich der Hausschwamm sich – unbemerkt von der städtischen Gebäudewirtschaft – im Haus breit gemacht habe und die Sanierung angeblich für die Stadt zu teuer sei. Deshalb sollte diese wertvolle Unterkunft nun meistbietend an Spekulanten verramscht werden.

Bald waren die Türen von innen geöffnet und Unterstützer*innen und obdachlose alte Damen kamen ins Haus, traten an die Fenster und verkündeten den interessiert lauschenden Passanten lauthals ihre Botschaft: Alte Menschen liegen auf der Straße, die Stadt hat keine Wohnungen für sie, genauso wenig der reiche, von Steuergeldern gemästete Apparat der vor allem christlichen Wohltäter in den verschiedenen caritativen Vereinigungen, der aus der Not der »ärmsten unter meinen Brüdern« (und Schwestern) ein einträgliches Geschäftsmodell gemacht hat.

Die alten Damen sind Klienten der Sozialberatung des SSM, an die sich jeden Montagabend jede*r wenden kann, der*die Rat und Hilfe braucht, vorwiegend zur Armenverwaltung der staatlichen Behörden. Seit letztem Sommer hatte die Sozialberatung von der Kölner Sozialverwaltung eine Wohnung für Ursula Brehm verlangt, vergebens. Zuletzt teilte Sozialdezernent Rau dem SSM mit: »Wir haben keine Wohnung für Frau Brehm.« Die alte Dame bleibt deshalb im Alter von mittlerweile 72 Jahren auf die Unterbringung in wechselnden Notschlafstellen angewiesen. Die Tage verbringt sie im Lesesaal der Volkshochschule. Immerhin: Dafür sind Bildungseinrichtungen gut, könnte man sagen.

Immer wieder musste die Sozialberatungsgruppe die alte Dame spät­abends wieder auf die Straße schicken. Die Not hat in den letzten Jahren derart zugenommen, dass zeitweise beim SSM selbst Büros und Bauwägen belegt sind.

Statt Hilfe vom Amt oder von den üppig ausgestatteten kirchlichen Trägern der Armenpflege kamen noch mehr alte Frauen, teils mit Hunden, die das Schicksal von Ursula Brehm teilen und jede Nacht auf der Suche nach einer Bleibe durch die Straßen der Stadt wandern.

Nun aber, beim Straftatbestand Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch, wurde der Staat, der sich sonst schamvoll verborgen hält, tätig: Polizei und Ordnungsamt erschienen mit 15 Leuten auf der Bildfläche und sicherten den Tatort des Rechtsbruchs.

Auf ihr Drängen zeigte sich nun endlich auch die Verwaltung, aber nicht etwa der Sozialdezernent oder der Leiter der für Unterbringungen zuständigen »Fachstelle Wohnen«, sondern der Leiter des städtischen Liegenschaftsamtes, Detlef Fritz.

Unter dem Druck der Polizei, die als Landesbehörde gar kein Interesse daran hat, für die hochdotierten Spitzenbeamten der Stadt Köln die Kohlen aus dem Feuer zu holen, und in Anwesenheit der gefürchteten Presse versprach Fritz, beim Amtsleiter des Amtes für Wohnungswesen vorzusprechen und auf diese Weise dafür zu sorgen, dass die alten Damen eine für sie geeignete Wohnung mit angemessener Betreuung erhalten. Daraufhin zogen die Besetzer*innen ab – mit der Ankündigung, wiederzukommen, wenn der Deal nicht eingehalten wird. Die Kölner Presse berichtete wohlwollend von der Besetzung und von dem Kompromiss.

Gewonnen war aber noch nichts, da drei Tage später der Verkauf des Hauses immer noch auf der Tagesordnung des Liegenschaftsausschusses stand. So versammelten sich vor der Sitzung protestierend obdachlose Frauen und Bürger*innen aus dem Stadtteil der Bergisch Gladbacher Straße 1006. Sie forderten Wohnungen und setzten sich für den Erhalt ihres im Parterre des besetzten Hauses gelegenen Bürgertreffs ein.

Besetzung, Protest und die positive Presse zeigten Wirkung. Die Mehrheit der Parteien beschloss, dass die 1006 nun nicht mehr meistbietend verkauft werden darf. Stattdessen wird ein Träger gesucht, der den dortigen Wohnraum für Obdachlose und sonst bedürftige Menschen erhält. Schon einen Tag später meldete die Initiative »Kunst hilft Obdachlosen« ihr Interesse an. Und die Sozialverwaltung sucht nun – gemeinsam mit dem SSM – intensiv nach geeignetem Wohnraum für Ursula Brehm und die anderen obdachlosen Damen.

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