Befreiung des Kindes!

Foto: Lisa Engel / Foto.Raum

Zur Situation von Kinderläden heute

Im Jahr 1968 entstanden im Umfeld der Studentenbewegung die ersten Kinderläden. Der Name wurde in Anlehnung an Tante Emma-Läden gewählt. Das Konzept hingegen war getragen durch den Wunsch nach Befreiung des Individuums, u.a. auch in Bezug auf die kindliche Sexualität. Theoretische Grundlagen bildeten die Theorien von H. Marcuse, W. Reich und Alexander S. Neill. Gut 50 Jahre später existieren immer noch Kinderläden Allerdings haben sich die Konzepte deutlich verändert. Mit Corinna S. (Name geändert), die ihre Tochter selber in den 2010er Jahren in einen Kinderladen geschickt hat, sprach Maurice Schuhmann.

Wieso hast du dich für einen Kinderladen – und damit explizit gegen einen Kindergarten für deine Tochter entschieden?

Ein Kindergarten ist in aller Regel größer und anonymer. Zusätzlich wollte ich, dass meine Tochter ihre ersten Erfahrungen und Freundschaften in einer überschaubaren, altersheterogenen Gruppe erleben kann. Ebenso sind insgesamt die Mitbestimmungsmöglichkeiten in einer klassischen Kita vergleichsweise gering. Das kam für mich nicht in Frage, weil ich grundsätzlich meine Umwelt aktiv mitgestalten möchte.

Was sind die konkreten Unterschiede für dich, ob ein Kind in einen Kinderladen oder in einen normalen Kindergarten geht?

Ein wichtiger Unterschied ist das Betreuungsverhältnis: In Kindergärten war und ist der Personalschlüssel, also die Relation zwischen Erzieher*in und Kind, nicht ausreichend, um gute pädagogische Arbeit zu ermöglichen. Das hat viel mit der Personalplanung zu tun. In Kitas werden die Kinder bereits nach Alter in Gruppen einsortiert und den Kindern wird, je nach Alter, die nach Personalschlüssel gesetzlich vorgeschriebene Menge an Erzieher*innen zugewiesen. In einem Kinderladen kann man das Betreuungsverhältnis eher an die Bedürfnisse der Kinder anpassen, da es in der Regel nur eine insgesamt kleine, einzige altersgemischte Gruppe gibt. Die Ausgestaltung der Fachkraft-Kind-Relation bestimmt entsprechend der Kinderladen, also die Elternschaft, selbst. Hier sind wir auch beim wichtigen Thema Mitbestimmung und Mitgestaltung.

Was sind deine Erfahrungen mit dem Kinderladenkonzept? Was macht heutzutage noch einen Kinderladen aus bzw. wo sind die Unterschiede zu einem klassischen Kindergarten?

Meine persönliche Bilanz ist insgesamt eher ernüchternd. Meine Erwartungen hinsichtlich gemeinschaftlicher Partizipation, der Umsetzung neuer Ideen oder gar politischer Arbeit wurden nicht erfüllt. Das Streben nach Mitbestimmung und aktiver Gestaltung teilte nur eine kleine Minderheit der Elternschaft. Insgesamt wünschten sich die meisten Eltern einfach ein besseres Betreuungsverhältnis für ihr Kind. Einige wenige waren bestrebt, ausschließlich Lebensmittel mit Bio-Zertifikaten zu beziehen oder rein vegetarische Kost anzubieten. Das waren insgesamt die „politischsten“ Ziele, die es einmal auf die Tagesordnung einer der regelmäßigen Versammlungen schafften. Aber auch dafür fand sich selten eine Mehrheit. Möglicherweise nimmt der Kinderladen heute eine andere Bedeutung ein als früher, in der Gründungszeit vieler alternativer Kinderbetreuungsformen: Die deutlichen Defizite, die in klassischen Kinderbetreuungseinrichtungen von Gewerkschaftsseite, aber auch medial immer wieder festgestellt werden, können durch Kinderläden teilweise ausgeglichen werden. Der Berliner Senat ist für jeden weiteren Betreuungsplatz dankbar und die Eltern atmen auf, weil ihr Kind in einem Kinderladen mit einem viel besseren Betreuungsverhältnis betreut wird. Allein die Schnittmenge dieser beiden Interessen reicht möglicherweise heute aus, um die immer noch zunehmenden Gründungen von Kinderläden zu erklären.

Die ersten Kinderläden entstanden in der Folge von 1968. Damals waren Inspirationsquellen Wilhelm Reich, A. S. Neill oder Wera Schmidt. Wie war es bei dir? Was war für dich ausschlaggebend?

Die Bedeutung von antiautoritärer Erziehung und dem Wunsch, das Wohl und die individuelle Entwicklung des Kindes in den Blick zu nehmen war in den Gründungszeiten der Kinderläden natürlich eine ganz andere. Dazu benötigt man Kinderläden heute nicht mehr in dem Maße. Die Bildungs- und Erziehungsziele, die bspw. der Berliner Senat formuliert, sind doch schon recht nah an den damals angestrebten Zielen. Die Pädagogik von heute sieht bspw. Aspekte wie Partizipation bzw. demokratische Mitbestimmung von Kindern und Eltern, eine zeitgemäße Sexualerziehung, Inklusion und Individualität vor. Auch das Thema Diversität in allen erdenklichen Facetten ist im Bildungsauftrag heute enthalten. Das ist erfreulich und ist auch auf die Arbeit der Kinderläden in der Vergangenheit zurückzuführen. Der Kinderladen als Gegenentwurf zur staatlichen Kita taugt hinsichtlich der oben genannten Punkte zufolge nicht mehr. Heute geht es vielmehr darum, ob im klassischen Kindergarten jene Ziele angesichts der mangelnden Ausfinanzierung überhaupt geleistet werden können. Da sehe ich in einem Kinderladen deutlich mehr Potential. Ob es auch genutzt wird, ist eine andere Frage.

Was hat ein Kinderladen im Jahr 2019 noch mit einem Kinderladen von 1968 gemein?

Die Selbstverwaltung ist noch immer sehr zentral. Alle Entscheidungen werden potenziell durch die Eltern, im Idealfall auch in Absprache mit den Kindern getroffen. Dies beinhaltet wesentlich das Erziehungskonzept, die Ausstattung, den Tagesrhythmus, Ausflugsziele, theoretisch aber auch die Einstellung vom Personal. Der Kinderladen ist aber heute jedoch nicht zwingend ein Ort, an dem man gleichgesinnte und politisch interessierte und aktive Menschen antrifft, mit denen man im Kinderladen und darüber hinaus in der Gesellschaft etwas bewegen wird. Es war beispielsweise über Jahre nicht möglich, das Erzieher*innenteam in eine adäquate Gehaltsgruppe einzugruppieren und eine Tarifbindung per Vereinsbeschluss zu erzielen. Das bedeutete nämlich mittelbar, dass die Dienstleistungen wie Kochen und Reinigen zur Disposition stand und die Elternschaft diese Aufgaben wieder hätten übernehmen müssen. Ansonsten wären die Vereinsbeiträge noch höher geworden. Die Eltern stimmten lange Zeit dagegen und der Konflikt wurde lange Zeit zu Ungunsten der Erzieher*innen entschieden und das Personal unter Tarif bezahlt.

Wie sieht es mit der Elternbeteiligung aus? Wie funktioniert das und welche Eindrücke hast du davon?

In wenigen Kinderläden werden noch immer die tägliche Reinigung und das Kochen sowie die Betreuung durch die Eltern übernommen. Aber diese Gemeinsamkeit wird keinen Bestand haben, weil heute alle Erziehungsbeteiligten einer Erwerbsarbeit nachkommen wollen oder müssen. Die Elternbeteiligung richtet sich nach dem individuell Machbaren und es wird zusehends weniger. Die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Kinderbetreuung und Erziehung ist auch in diesem Kontext eine große Herausforderung. Mein Endruck war zunehmend, dass die Eltern immer mehr Verantwortung an das Personal abgeben und die Vereinsversammlungen lediglich der halbjährlichen Strukturierung des Alltags dienen. Dies hängt meines Erachtens einmal damit zusammen, dass Eltern für regelmäßige Aktivität kaum Zeit aufbringen und Eltern zudem die Kinder nur noch selten selbst betreuen und ihnen der Einblick in die täglichen Abläufe fehlt. Wo früher die Eltern gemeinsam betreuten, kochten und putzten, übernehmen dies heute Fachpersonal, Koch bzw. Köchin und Reinigungskraft.

Was sind die klassischen Eltern, die heutzutage ein Kind in einen Kinderladen schicken. Kann man das verallgemeinern?

Derzeit ist der Druck, einen Betreuungsplatz zu finden, derart groß geworden, dass auch Eltern, die das Prinzip Kinderladen und Selbstverwaltung nicht von vornherein im Blick hatten, ihre Kinder in einen selbstverwalteten Kinderladen geben. Insofern nimmt der Anteil an der Elternschaft zu, die Vereinsstrukturen und Selbstorganisation nicht als Bereicherung betrachten, sondern als notwendiges Übel. Dort steht dann einfach die Betreuung als Dienstleistung im Vordergrund. Zusätzlich sind es wie gesagt Eltern, die ihr Kind in kleinen Gruppen aufwachsen sehen wollen. Es ist aber zu beobachten, dass die Gefahr besteht, dass Kinder aus finanziell schwach aufgestellten Haushalten weniger Zugang zu einem Kinderladenplatz haben. Das liegt darin, dass die zusätzlichen Beiträge wie für die Verwendung von Biolebensmitteln, musikalische Früherziehung, Koch bzw. Köchin und Personal für Reinigungsarbeiten über den Vereinsbeitrag finanziert werden. Der monatliche Beitragssatz steigt mit der Inanspruchnahme von externen Dienstleistungen immer weiter an. Insofern besteht die Elternschaft und der Kinderanteil verstärkt aus der Gruppe der ökonomisch Privilegierten. Es ist aber angesichts des Kitaplatzmangels auch zu beobachten, dass Eltern immer mehr bereit sind, hohe Kosten zu tragen, um überhaupt einen Betreuungsplatz zu erhalten. Dieser Trend wird sich sicher fortsetzen, sodass nicht mehr nur ausschließlich Kinder aus Akademikerhaushalten in Kinderläden betreut werden, sondern die Gruppe heterogener wird.

In der Satzung des Vereins wird explizit die Selbstverwaltung als Aspekt benannt. Wie äußert sich diese konkret?

Die Selbstverwaltung bietet eine Reihe an Möglichkeiten, die nach meinem Empfinden ungenutzt bleiben. Eine wichtige Aufgabe, die den Eltern als Vereinsmitgliedern zukommt, ist bspw. die Qualität der Erziehung und Förderung der Kinder. Die oben genannten Bildungsziele sieht nicht nur der Senat vor, sondern stehen im allgemeinen auch in der Vereinssatzung oder im Konzept eines Kinderladens. In der staatlichen Kita übernimmt die Qualitätsentwicklung und die Einhaltung der Standards der Senat bzw. übergibt diese an staatliche oder private Institutionen. Im Kinderladen dagegen ist dies auch die Aufgabe der Vereinsmitglieder bzw. des Vereinsvorstands und der Erzieher*innen. Der Vorteil am Kinderladen im Vergleich zur staatlichen Kindertagesstätte ist ja auch der tägliche Einblick in die Abläufe. Die Eltern in einem Kinderladen sind nicht darauf angewiesen, dass alle paar Jahre ein paar Tage lang durch Hospitation eine externe Evaluation vollzogen wird und ein Gutachten erstellt wird. Hier sind die Eltern ja viel näher dran am Geschehen und persönlich involviert. Darin steckt aber auch ein potenzieller Konflikt. Als Vereinsmitglied bzw. geschäftsführender Vorstand ist man einerseits im weitesten Sinne Kunde einer Dienstleistung, nämlich der Betreuung meines Kindes, andererseits auch zugleich Arbeitgeber mit allen damit verbunden Pflichten. Diese Doppelrolle ergibt verständlicherweise Rollen- und Interessenskonflikte. Dabei bleiben die Qualitätssicherung als auch die Qualitätsentwicklung oft gänzlich auf der Strecke. Die Erziehungsarbeit, Wertevermittlung und die qualitative Arbeit der Angestellten wurde selten bis nie sachorientiert besprochen und diskutiert, weil sich viele Eltern an diese Themen nicht „rantrauten“. Die Selbstverwaltung beschränkt sich oftmals, und das höre ich auch oft von befreundeten Eltern mit Kindern in einem Kinderladen, auf das Kochen, Putzen und Betreuen im Krankheitsfall des Personals. Ist das Elternengagement gar nur auf den alljährlichen Frühjahrsputz beschränkt, liegen die Möglichkeiten eines selbstverwalteten Kinderladens natürlich vollkommen brach.

Wonach werden Erzieher*innen ausgesucht?

Die Erzieher müssen natürlich in erster Linie das Bildungs- und Erziehungskonzept mittragen. Auch vorangehende Berufstätigkeit und die damit verbundenen Erfahrungen und Tätigkeiten spielen eine Rolle. Bei uns wurde es so praktiziert, dass das Erzieher*innenteam eine Vorauswahl traf. Entscheidend ist ja, dass die „Chemie stimmt“, schließlich müssen Teammitglieder kooperativ und konfliktfrei miteinander arbeiten können. Insgesamt wurde darauf geachtet, dass das Team komplementär wirken kann, die Interessenüberschneidungen, Ideen, Erfahrungen und „Persönlichkeiten“ möglichst unterschiedlich waren, sodass auch das Erzieher*innenteam nicht allzu homogen ist und sich eher ergänzt, als im Gleichklang zu arbeiten. Allerdings ist auch schwierig, allzu große Erwartungen an die Bewerber*innen heranzutragen, da durch den anhaltenden Erzieher*innenmangel die Konkurrenz unter den Bildungseinrichtungen sehr groß ist.

Danke für das Gespräch.

Literatur zum Thema Kinderläden / Ideologie von Kinderläden:

Autor*innenkollektiv: Berliner Kinderläden. Antiautoritäre Erziehung und sozialistischer Kampf, Kiepenhäuer & Witsch Verlag Köln / Berlin 1970.

Autor*innenkollektiv: Erziehung zum Ungehorsam. Antiautoritäre Kinderläden, März Verlag Frankfurt/M. 1970.

Autor*innenkollektiv: Kinderläden – Revolution der Erziehung. Oder: Erziehung zur Revolution?, Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg 1971.

A. S. Neill: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung : das Beispiel Summerhill, Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg 1991.

Vera Schmidt: Drei Aufsätze, Bibliothek für Marxismus und Psychoanalyse Freiburg o.J..

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