349, Oktober 2013: Strategien - Widerstand - Alternativen

Pflege und Autonomie

Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre sind die Zivilgesellschaft und das so genannte bürgerschaftliche Engagement zu einem zentralen Projekt der Gesellschaftspolitik avanciert. Auch für den Pflegesektor wird in den letzten Jahren in Teilen der Politik und von etablierten Denkfabriken eine verstärkte „Kultur des Helfens“ eingefordert. „Hilfemix“, „Wohlfahrtspluralismus“, „geteilte Verantwortung“ und „gesellschaftliche Koproduktion“ sind die Leitbegriffe des Zivilgesellschafts- Diskurses. Nachdem CONTRASTE in den Ausgaben 269/2007, 321/2011 und in der Doppelausgabe 344-345/2013 über alternative Lebens- und Wohnprojekte von und für SeniorInnen berichtete, werfen die Schwerpunktseiten dieser Ausgabe einen Blick auf die politischen Rahmenbedingungen der Betreuung und Pflege von Behinderten und alten Menschen.

Foto: Kommune Niederkaufungen

Von Joachim Maiworm & Anne Seeck, Berlin

„Die Zukunft der Pflege liegt im Quartier“ lautet die programmatische Aussage eines Positionspapiers, das eine Arbeitsgruppe des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) und der Friedrich-Ebert-Stiftung Anfang August, unter dem Titel „Gute Pflege vor Ort – Das Recht auf eigenständiges Leben im Alter“ präsentierte. .Die SozialexpertInnen vertreten ein Konzept, das auf Selbstbestimmung setzt, zivilgesellschaftliche und professionelle Pflege vor Ort bündelt und die Prävention fördert. Die professionelle Pflege in Heimen soll auf das Notwendigste reduziert, die ambulante Versorgung dagegen konsequent ausgebaut werden. Nach dieser Idee überträgt der Staat über die Kategorie der „Selbstbestimmung“ die Verantwortung zunehmend auf die „autonomen“ Einzelnen und den sozialen Nahraum. Der Druck auf die BürgerInnen wächst. Auch die neoliberale Bertelsmann- Stiftung widmet sich der Aufgabe, Ideen zu produzieren und Modellprojekte zu erproben, damit sozialstaatliche Aufgaben möglichst effizient unter Einschluss von Engagement durchgeführt werden können. Als Akteurin im Hintergrund forcierte die Stiftung bereits die Hartz-Reform und damit den „aktivierenden Sozialstaat“, nun sollen die Versorgungslücken in der Pflege durch die Mobilisierung der Zivilgesellschaft gestopft werden. Denn für die Think Tanks gilt als nicht verhandelbare Prämisse, dass die finanzielle Leistungsfähigkeit des Staates unwiderruflich an ihre Grenze gestoßen ist. Auch der Pflegesektor hat seinen Beitrag zum Wettbewerbsstaat zu leisten, indem er der Volkswirtschaft möglichst wenig kostet. Interessengegensätze sollen keine Rolle mehr spielen. Nicht über den Kampf für mehr Geld, sondern nur auf Basis eines konsensorientierten Dialogs zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft sowie zivilgesellschaftlichen Akteuren kann aus dieser Sicht die Herkulesaufgabe einer würdigen Pflege alter und behinderter Menschen gestemmt werden. Der „nationale Wettbewerbsstaat“ diktiert eine Kostensenkungsstrategie, die gravierende Auswirkungen auf die Betreuung und Pflege behinderter und alter Menschen gleichermaßen hat.

Die Beiträge dieser Ausgabe reflektieren einzelne Aspekte dieser Strategie, die im Namen der Autonomie und Eigenverantwortung im Pflegebereich seit Jahren Raum greift. Aber auch das emanzipatorische Potenzial der „Selbstbestimmung“ wird theoretisch thematisiert und am praktischen Beispiel aufgezeigt.


AUS DEM INHALT:


Rolf Schwendter-(K)ein Nachruf

April 1987 im Cafe Ruffini (München), Foto: Franz Will

Erinnerung an einen Vordenker und Aktivisten alternativer Bewegungen, der in kein Schema passt. Er lehrte „Devianz“ als akademisches Fach, trommelte, rappte, kochte, war oft mit Plastiktüten unterwegs und wurde manchmal für einen Clochard gehalten.

Allerweltshaus

Allerweltshaus von außen, Foto: Giovanni Lo Curto

Das Projekt in Köln-Ährenfeld verbindet die Themen Migration und Antirassismus mit einem internationalen Ansatz. Von Anfang an schon arbeiten „Deutsche und Ausländer“ zusammen. Gratulation zum 25. Geburtstag.

Legendäres Landprojekt

April 2013: Mehrere Generationen aus allen Kooperativen treffen sich zur gemeinsamen Besprechung in Longo mai bei Limans in der Provence

In den 70er zogen vor allem junge deutsche nach Südfrankreich. Sie gründeten Longo mai, ein Projekt, das auch eng mit Osteuropa verbunden ist. Wir gratulieren dem Kollektiv zum 40. Geburtstag

Roots of Compassion

Foto: Maurice Ressel

Der vegane Online-Shop stellt den TIerbefreiungsgedanken ins Zentrum. Selbstorganisation und das Ziel, sich nicht selbst auszubeuten, spielen eine wichtige Rolle. Wir gratulieren zum 10. Geburtstag.

Bio für alle

Einkaufsgemeinschaft Hannover-Nordstadt

Wie Hannoveraner_innen den Kauf von Bio-Lebensmitteln zu einem erschwinglichen Preis ermöglichen und ihre Prozesse der Selbstorganisation gestalten zeigt dieses anschauliche Interview.

Solidarität

Ideen, wie Privilegien mit Geflüchteten geteilt werden können, wurden beim Berliner Kultur-Festival Suppe und Mucke in einem ungewöhlichen Rahmen angedacht.

Misshandelte Kinder

Am 24. Oktober läuft der Film über die Friedrichshof-Kommune bei Wien an. Der Regisseur Paul-Julien Robert ist dort aufgewachsen, Die Gewalt, die nicht nur ihn prägte, zeigt er auch mit dokumentarischen Bildern.

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