Open Source Ecology

Foto: OSEG

Technologieentwicklung zu demokratisieren und dabei auch ökologische und soziale Aspekte zu berücksichtigen, das ist die Idee der Open Source Ecology (OSE), die 2003 in den USA entstanden ist. Seit 2016 gibt es in Deutschland einen sehr aktiven Verein unter diesem Motto. Mit Contraste sprach Vorstandsmitglied Timm Wille.

Brigitte Kratzwald, Redaktion Graz

Was genau bedeutet Open Source Ecology?

Der Ausgangspunkt ist die Open Source Hardware, also die Entwicklung von Technologien auf offene Art und Weise, nach dem Vorbild freier Software. So wie man dort den Code teilt, teilt man hier die Bauanleitung und den ganzen Entwicklungsprozess und entwickelt Technologien kollaborativ. Dafür ist ein anspruchsvoller Dokumentationsprozess notwendig, mit diesem Thema habe ich mich auch in meiner Masterarbeit beschäftigt.

Dann kam der Begriff »Ecology« dazu, was im Englischen mehr bedeutet als nur »Ökologie«, sondern es geht um Ökosysteme. Es ist der Versuch, technische, soziale und ökologische Aspekte in Einklang bringen. Wir orientieren uns dabei an den Kategorien Transparenz, Effizienz und Nachhaltigkeit. Uns geht es auch um eine Demokratisierung von Technologieentwicklung, bei uns kann jeder als Entwickler auftreten und mit entscheiden, was wie eingesetzt wird. Das war auch die Motivation hinter der Ursprungsidee in den USA: Man wollte nach diesen Kriterien die fünfzig wichtigsten Industriemaschinen entwickeln, die eine Gesellschaft braucht. Wir in Deutschland haben uns von dem Fokus auf Industriemaschinen ein wenig gelöst und wollen das Konzept in alle möglichen Bereiche hineintragen. So haben wir etwa einen Webstuhl und wenn jemand eine Waschmaschine entwickeln möchte, wäre das natürlich auch möglich.

Seit wann gibt es OSE in Deutschland und was ist deine Rolle?

Ich bin Ingenieur, mein Spezialgebiet ist erneuerbare Energie, und ich engagiere mich seit 2013 bei OSE. Ursprünglich bin ich dazu gekommen, weil ich eine Windturbine auf dieser Plattform entwickeln wollte, passend zu meinem Studium. Dann war ich so begeistert von der Art und Weise, wie hier zusammengearbeitet wird, dass ich begonnen habe, mich in der Koordination und Organisation einzubringen. 2016 haben wir einen gemeinnützigen Verein gegründet, dessen Vorsitzender ich derzeit bin. Daher verbringe ich viel Zeit mit Arbeit für die Community, mit der Koordination der Projekte und der mitmachenden Menschen, mit Kommunikation und Moderation der Kanäle, mit Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Die technischen Dinge kommen da leider zu kurz, die Windturbine muss inzwischen warten. Irgendwann werde ich mich aus dem Orgakram wieder zurückziehen, wenn andere da sind, die das übernehmen wollen. Aber im Moment bin ich glücklich so und es macht Riesenspaß.

Wie kann man sich das nun praktisch vorstellen? Kannst du das an einem Beispiel schildern?

Es gibt eine relativ große, internationale Community, da kann jeder mitwirken und eigene Projekte einbringen. Wir wollen mit unserem Verein aber auch mehr in den Bereichen Forschung, Wissenschaft und Bildung aktiv werden, wenn es um die Entwicklung größerer Maschinen oder überhaupt neuer Technologien geht. Da ist ein gutes Beispiel unsere Zn/O-Brennstoffzelle. Es geht in diesem Projekt um die Entwicklung einer möglichst langfristigen Speicherlösung für elektrische Energie. Im Vergleich zu bestehenden Akku-Systemen bietet diese Technologie viele Vorteile: eine unbegrenzte Zyklenanzahl, unbegrenzte Lagerfähigkeit, sie besteht aus überall günstig erhältlichen Komponenten, die Komponenten sind absolut unschädlich für die Umwelt und sie bietet eine sehr hohe Energiedichte.

Wir machen dazu Grundlagenforschung, weil es da noch sehr wenig dazu gibt und im OS-Bereich gar nichts. Dieses Projekt ist aus der Überlegung eines saisonalen Speichers und einem ersten rudimentären Prototypen entstanden, anschließend hat jemand ausgerechnet, dass das Ding eine hohe Energiekapazität hätte, wenn man das ordentlich machen würde. Dann wurde das in kleinem Rahmen praktisch ausgeführt und dokumentiert. Damit waren wir auf mehreren Maker Fairs und plötzlich haben wir eine Anfrage bekommen von einem Unternehmen, das soziale Projekte unterstützen wollte. Wir haben ihnen mehrere unserer Projekte vorgeschlagen, sie haben sich für die Brennstoffzelle entschieden und unterstützten das Projekt mit einem Ingenieursteam. Und nun sind wir in der Finalisierungsphase für den Prototypen, mit dem man dann wirklich wissenschaftliche Testreihen machen kann.

Ein anderes Beispiel ist unsere LibreSolarBox. Dafür wurden mehrere Open Source Hardware Projekte zusammengeführt, ein Elektronikprojekt und die SolarBox selbst, ein tragbares Gehäuse, das dezentral und autark Stromversorgung und Speicherung erneuerbarer Energie mithilfe von Photovoltaik möglich macht.

Wie macht ihr die Baupläne und Dokumentation zugänglich? Wer nutzt sie? Treten Menschen mit euch in Kontakt, wenn sie eure Baupläne nutzen?

Grundsätzlich sind alle Dokumentationen und Baupläne im Wiki zugänglich. Generell bei OS Hardware gibt es viel Rücklauf, das gilt auch für uns, etwa für den Webstuhl. Um solche Dinge nachzubauen, braucht es Fingerfertigkeit, eventuell noch einen 3D-Drucker. Da ist es schwer zu sagen, wieviele Menschen das wirklich tun. Es gibt Erfahrungen aus den USA, da gibt es etwa die Ziegelsteinpresse, die schon an die hundertmal nachgebaut wurde. Viele OS Produkte finden sich auf der Thingiverse-Plattform und wurden teilweise tausendfach reproduziert.

Wir bewegen uns mit unserem Fokus auf Technologieentwicklung weg von der reinen DIY Ebene. Eine Windturbine oder die SolarBox sind schon anspruchsvoller, auch die Brennstoffzelle. Bei vielen unserer Maschinen sind wir ja noch in der Entwicklung, da ergibt sich der Rücklauf im Entwicklungsprozess. Unser Ziel ist schon, dass man diese Dinge dann auch einmal reproduzieren kann, aber in erster Linie geht es uns darum, nachhaltige Alternativen zu den bestehenden Lösungen zu entwickeln und nicht um Quantität im Nachbau. Gerade die Entwicklungsphase erfordert viel Knowhow, das würde unheimlich viel Geld verschlingen, wenn man dafür eine Firma gründen würde. Das ist gerade die Stärke des OS-Prinzips, dass man dieses ganze Wissen zusammenführt, dass nicht jeder das Rad neu erfinden muss. Dieses Wissen gehört dann nicht einem Unternehmen, das ein Patent darauf hat, sondern wir tragen es in die Gesellschaft.

Wie groß ist eure Community in Deutschland? Wie organisiert ihr euch? Wie trefft ihr Entscheidungen? Wie sieht das Geschlechterverhältnis aus?

Unser Verein bildet sozusagen das Kernteam, darum herum besteht eine lose, auch internationale Community, wo wir nicht den Anspruch haben, das genau abzubilden, wer Lust hat, beteiligt sich. Der Verein hat einmal im Jahr eine Jahreshauptversammlung mit Vorstandswahl, wo auch die finanziellen Dinge geregelt werden. Wir sind derzeit 30 Vereinsmitglieder, das klingt nicht viel, aber jedes dieser Mitglieder ist richtig aktiv, manche arbeiten 20 bis 30 Stunden pro Woche, zum größten Teil ehrenamtlich. Die engere Community rundherum sind etwa 100 Leute, die sporadisch helfen, dann gibt es mehrere 1.000 Follower in den Social Media Kanälen, bis hin zur internationalen Community. Es beteiligen sich sehr unterschiedliche Menschen, allerdings ist der Frauenanteil eher gering, das ist auch eines der Themen, an denen wir gerade arbeiten. Außerdem haben wir viele Ingenieure und Techniker, obwohl die Aufgaben eigentlich vielfältiger wären, etwa für die Kommunikation, die Bildung und die Moderation der Community.

Auf der Projektebene sind wir total selbstorganisiert. Zwar werden einige Projekte vom Verein betrieben, aber die wesentliche Aufgabe ist das Zurverfügungstellen der Plattform, die wir verwalten und moderieren. Das ist eine lose, selbstverwaltete Struktur, ein großes Netzwerk, das gerade deshalb sehr agil sein kann. Wir sagen, bei uns gibt es eine Kompetenzhierarchie und Motivationshierarchie. Wer andere Leute begeistern kann, findet ein Team und legt los. Zur Kommunikation nutzen wir derzeit vor allem Telegram, wo in etwa 50 Gruppen sehr eifrig diskutiert wird.

Die einzige Beschränkung ist unser Wertekatalog, an den man sich halten muss, sonst gibt es einen Rüffel von der Community. Der kritischste Fall bisher war der Melkroboter. Da in der Community auch viele Menschen vegan oder anderweitig bewusst unterwegs sind, entstehen hier immer wieder auch ethische Debatten. Bisher konnten wir alles friedlich und vor allem konstruktiv lösen.

 

Was sind die weiteren Projekte und Pläne?

Momentan passiert sehr viel gleichzeitig. Ein größeres internationales Projekt auf strategischer Ebene ist die Normung, wir wollen einen neuen Standard für OS Hardware in die Welt setzen, gemeinsam mit 25 internationalen Organisationen und dem deutschem Normungsinstitut.

Außerdem arbeiten wir – ebenfalls in der internationalen Community – an einem Open Hardware Observatory, einer Art Suchmaschine für alle OS Hardware weltweit.

In Deutschland sind wir dabei, konkrete Standorte aufzubauen, die OpenEcoLabs. Einer davon wird vom Verein verwaltet, die anderen entstanden in Kooperationen mit anderen Gruppen. Die Idee ist angelehnt an Ökodörfer, es sollen offene Modellorte werden, die sich nach OS Kriterien ausrichten. Wir wollen dort zeigen, dass Entwicklung und ganz allgemein gesellschaftliche Zusammenarbeit auch anders geht. Vom Wachstumsgedanken entkoppelt und dezentral, aber gemeinschaftlich an Sachen zu arbeiten, wurde erst durch Internettools möglich.

Es melden sich immer mehr Menschen und Orte, die mitmachen oder unterstützen oder selbst Werkstätten aufbauen wollen. Es gibt auch viele Veranstaltungen, es boomt richtig, das zeigt uns, das ist gerade die richtige Art und Weise etwas zu tun, wir konnten und werden als kleiner Verein viel bewegen.

Links:

OSE Germany: ose-germany.de

Wiki mit den verschiedenen Geräten:

wiki.opensourceecology.de

Wertekatalog:

wiki.opensourceecology.de/Open_Source_Ecology_Germany/Werte

OSE international (USA):

opensourceecology.org

Open Source Hardware Association:

oshwa.org

Thingiverse:

thingiverse.com

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