Finstere Eindrücke aus Venezuela

Foto: Farina Regn

Zu Gast beim Kooperativennetzwerk Cecosesola

Von Februar bis April war unsere Autorin als Delegierte des Kommuja – Netzwerks der politischen Kommunen acht Wochen zu Gast bei mehreren Kooperativen des Cecosesola-Netzwerkes in Barquisimeto und hat dort Leben und kollektives Arbeiten mit den Companeras geteilt. Ein Erfahrungsbericht.

Farina Regn, Kommune Lossehof

Der erste große Stromausfall, durch den Anfang März 2019 ca. 80 Prozent des Landes mehrere Tage ohne Strom waren, hatte es noch in die internationale Presse geschafft, Mutmaßungen über seine Ursachen inklusive. Danach kehrte Venezuela bis zu meiner Abreise am 9. April nicht mehr wirklich in die Normalität zurück, unangekündigte Stromausfälle für Stunden oder Tage wurden zu einem weiteren alltäglichen Ärgernis für die Bevölkerung dieses von jahrelanger Krise und Hyperinflation geschüttelten Landes.

Was es bedeutet, wenn der Strom ausfällt: Nicht nur die Mail, der Text, an dem du gerade gearbeitet hast, ist weg, sondern es bricht die gesamte Kommunikation zusammen. Internet, Mobilfunk, ein Austausch mit deinen Freund*innen und Verwandten in anderen Städten oder im Ausland ist auf unabsehbare Zeit nicht mehr möglich, ebenso wenig Geldüberweisungen per Mobilfunk-App. Auch die überall eingesetzten Kartenlesegeräte für Kartenzahlung benötigen Strom und Netz – durch die Stromausfälle werden also immer schlagartig weite Teile der venezolanischen Bevölkerung zahlungsunfähig. Das hübsche neue Bargeld, der »Bolivar Soberano«, ist knapp und verliert täglich an Wert.

Dass auch keine Informationen über Internet, TV, Radio mehr zu haben sind, nun gut, damit leben die Venezolaner*innen eher entspannt: Es grassiert ohnehin die Desinformation bzw. der »Oficialismo«, also die in den Staatsmedien kolportierte offizielle Wahrheit und Meinung. Wenn du »echte« Informationen willst, dann setzt du dich mit Freund*innen in Verbindung, die bereits ausgewandert sind.

Aber damit nicht genug, denn am Strom hängt auch das Wasser. Wenn du Glück hast, und dein Viertel Wasser bekommen hat, dann kannst du ohne Strom dein Wasser nicht in den Tank auf dem Dach deines Hauses pumpen, weil die Pumpe ja elektrisch funktioniert. Besser ist es also, stets alle Eimer im Haus mit Wasser gefüllt zu halten, damit du dein WC spülen kannst und dich waschen, aber bitte immer schön sparsam, wer weiß, wie lange es diesmal dauert! Und dann sitzt du abends mit der Familie im flackernden Kerzenlicht, die Nachbarn haben wohl einen Generator am Start und beschallen das Viertel mit Salsa, Merengue oder Reggaeton. Die tropischen Nächte sind zwölf Stunden lang, aber du stehst vor der Dämmerung nach einer stickigen, unruhigen, von Moskitos durchsurrten Nacht auf – es ist immer noch dunkel und bleibt es auch, wenn du den Lichtschalter betätigst… Gelegentlich kommt mitten in der Nacht der Strom zurück, Freudengeschrei aus einigen Häusern, und endlich können wieder alle laut den Fernseher und das Radio aufreißen!

Die Göttin »La Luz«

Und morgens auf der Arbeit, im Büro begrüßt man sich mit der Frage: »Hay luz?« (Gibt es Licht/ Licht steht synonym für Strom, bekommt aber einen fast religiösen Touch, als wäre »La Luz« eine wankelmütige Heilige, die kommt und geht, wie sie es will, man erkundigt sich vorsichtshalber täglich nach ihrem werten Befinden), denn ohne Strom ist das Arbeiten nur sehr eingeschränkt möglich.

Während meines achtwöchigen Aufenthaltes in Venezuela bei zwei Kooperativen des Cecosesola-Netzwerkes und auf den Ferias (das sind die großen Markthallen, in denen an jedem Wochenende zehntausende Menschen ihre Einkäufe tätigen) in Barquisimeto sind mir viele sehr herzliche, gastfreundliche und gut organisierte Menschen begegnet, die mich zum Glück stets gut begleitet haben. Die Companeras in den Kooperativen und Markthallen von Cecosesola haben in den Jahren der Krise gelernt, sich immer neu auf die Schwierigkeiten im Alltag einzustellen. Bricht der öffentliche Nahverkehr zusammen, so organisieren sie selbst die Transporte der Companeras zur Arbeit und zurück. Ist die Stromversorgung instabil, so beschaffen sie Generatoren und Treibstoff und Ersatzteile, und wenn keine Kartenzahlung mehr möglich ist, dann beschließen sie gemeinsam, dass bestimmte Lebensmittel auf Kredit verkauft werden und verhindern damit vermutlich sehr wirksam Unruhen und Plünderungen in Barquisimeto, die es in anderen Städten sehr wohl gegeben hat. Und kurz vor meiner Abreise haben sie für einige Companeras auch Wassertanks besorgt und gefüllt, in deren Viertel seit Wochen kein Wasser mehr angekommen war.

Geduld ist gefragt

Gerade warten sie auf die Regenzeit. Die diesjährige Trockenzeit war extrem trocken. Der Wassermangel bekommt so noch eine drastischere Note: Ist das der Klimawandel? Wird das jetzt so bleiben? Und neben den Autobahnen und auf den fernen Hügeln brennt es: Flächenbrände zur Gewinnung von Ackerland oder einfach nur aus Unachtsamkeit. Und neben den Ausfallstraßen am Rande der Städte brennen die Müllhaufen, neben Werbung und Propaganda-Graffitis, was soll man auch sonst tun mit dem Müll?

Jemand hat mir erzählt, dass die Venezolaner*innen durchschnittlich ein Drittel ihrer Zeit in Warteschlangen verbringen. Du musst für alles anstehen: für Bargeld an der Bank, für Transport oft stundenlang, bei Behördengängen sowieso, an den zahlreichen Polizei- und Militärposten immer mit flauem Gefühl im Magen, für Essen, für Benzin – für alles, was knapp ist. Und in dieser Zeit des Wartens passiert nicht viel: Man wartet eben, drängelt sich in schattigen Bereichen neben der Straße, manche haben noch genug Kraft, um Scherze zu machen, gute Laune zu verbreiten, die Moral hoch zu halten. In wichtigen Gebäuden wie z.B. im Flughafen hängen Plakate, ist ein Satz groß auf eine Wand geschrieben: »Hier wird nicht schlecht von Chavez gesprochen!« Viele Graffitis auf Hauswänden in den großen Städten zeigen Chavez' wachsame Augen, und im Staatsfernsehen werden ständig seine Ansprachen wiederholt. Überhaupt erscheint in der Propaganda der Regierung Venezuela als ein tropisches Paradies, das tapfere Venezolaner*innen mutig gegen die ständige Angriffe der imperialistischen Gringos verteidigen, und das trotz aller Widrigkeiten immer schöner und immer besser wird.

Leider habe ich von diesem Venezuela nichts gesehen auf den Straßen, in den Städten, aber das Land ist ja riesengroß! Gesehen habe ich Internetkabel an Strommasten, die gegen Kabelklau geschützt werden, indem Glasflaschen daran befestigt werden. Gesehen habe ich Schulen, die seit November keinen regelmäßigen Unterricht mehr anbieten können, weil die Lehrer*innen streiken, ausgewandert sind oder sich den Weg zu ihrer Arbeit nicht mehr leisten können. Gesehen habe ich zerrupftes innerstädtisches Grün, weil ohne Gas jetzt wieder auf Holzfeuern gekocht werden muss. Gesehen habe ich verfallende Häuser, leerstehende Geschäfte und Fabrikgelände, kaputte Straßen und zu viele zu laute, viel zu kaputte Autos.

Politische Einstellung

Auch die Companeras von Cecosesola halten die Moral hoch, es bringt ja nichts, zu jammern oder wütend zu werden, das haben sie alles schon ausprobiert, es hat nicht zu einer Verbesserung der Zustände geführt. Die wenigsten, mit denen ich gesprochen habe, positionieren sich politisch klar als »regierungstreu« oder »oppositionell«. Es entspricht nicht der gelebten Realität, Venezuela nur in diesen beiden Kategorien zu denken, auch wenn das die internationale Berichterstattung oft nahe legt. Bei Cecosesola unterscheiden sie nach wie vor zwischen »la politica«, das ist die Politik, die von Politiker*innen gemacht wird, und »lo politico«, das ist die individuelle und kollektive politische Haltung. Als Individuen sind die Companeras natürlich frei, sich dem einen oder anderen politischen Lager zuzuordnen, zu demonstrieren, sich in den Kommunalräten einzubringen. Als Organismus, als Groß-Kollektiv wird Cecosesola sich aber nicht in »la politica« einmischen, es ist einfach zu brisant. Es gibt zu viele Widerhaken, zu viele schlimme Geschichten, zu viel Repression, zu viel Bestechung.

Dennoch besteht Hoffnung: Die Nudel-Kooperative »8 de Marzo« hat ein Silo angeschafft, um den Versorgungsengpässen mit Mehl durch eine verbesserte Lagerhaltung begegnen zu können. Und im Gesundheitszentrum CICS gehen die Bauarbeiten für das Geburtszimmer in die letzte Runde. Es ist nicht selbstverständlich, dass alle am gleichen Strang ziehen, aber bei Cecosesola fordern sie es ein – Solidarität sichert das Überleben.

Weitere Artikel über den Aufenthalt könnt ihr lesen auf der Webseite von »Kommuja – Netzwerk der politischen Kommunen« unter: www.kommuja.de

Cecosesola und die Intercambio-Gruppe

Cecosesola (Central Cooperativa de Servicios Sociales del Estado Lara) ist ein Dachverband, in dem sich etwa 50 landwirtschaftliche Kooperativen, Produktionsgenossenschaften, ein Beerdigungsinstitut, das Gesundheitszentrum CICS und mehrere Wochenmärkte in der Millionenstadt Barquisimeto und im Staat Lara zusammengetan haben. Cecosesola wurde 1967 gegründet und hat sich seither als basisdemokratische und unabhängige Organisation behauptet. Derzeit sind etwa 1.200 Menschen fest bei Cecosesola angestellt, etwa ein Drittel der Bevölkerung des Staates Lara profitiert von den Angeboten der Kooperativen.

Seit 2015 arbeiten Menschen aus verschiedenen politischen Kommune- und Kollektiv-Netzwerken hier in Deutschland an einem Austausch mit Cecosesola. Mittlerweile ein internationales Austauschprojekt entstanden, in dessen Rahmen im Mai 2019 zum zweiten Mal zwei Companeras von Cecosesola nach Deutschland kamen. Die Idee: Wir wollen wechselseitig voneinander lernen und für die Zeit der Besuche das kollektive Leben und Arbeiten hier wie dort miteinander teilen.

Kontakt zur Intercambio-Gruppe: intercambio-cecosesola(at)systemausfall(dot)org

Falls Ihr Cecosesola direkt finanziell unterstützen wollt, dann wendet euch an den Dringlichkeitsfonds. Über die Verwendung der Spenden entscheidet Cecosesola autonom. Es können keine Spendenbescheinigungen ausgestellt werden. Kontakt: dringlichkeitsfonds-cecosesola@systemausfall.org

Link: http://cecosesola.blogspot.com

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