Aus Wölfen werden Giraffen

Foto: Kommunikationsgefährt*innen

Einführung in das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation

In linken Kreisen und Projekten ist die Anwendung von Gewaltfreier Kommunikation (GfK) – z.T. auch als »wertschätzende Kommunikation« tituliert – zumindest nominell der anvisierte Standard. Inwiefern das Konzept wirklich umgesetzt wird, hängt dabei vom jeweiligen Projekt ab. Für Außenstehende wirkt diese Form der Kommunikation auf den ersten Blick häufig befremdlich, gefühlsduselig und umständlich. Sie widerspricht dem uns ansozialisierten Kommunikationsverhalten und muß daher erst einmal erlernt werden.

Maurice Schuhmann, Berlin

Als Begründer der GfK gilt der jüdisch-amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg (1924-2015), der auf Grund seiner jüdischen Abstammung immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war. Er begründete 1984 das Center for Nonviolent Communication, das auf den Erfahrungsschatz von 20 Jahren Praxis aufbauen konnte. Neben der Vermittlung jener Kommunikationsform war er auch immer wieder als Mediator tätig – z.B. in Bezug auf die Überwindung der Rassentrennung in den USA oder in der palästinenisch-israelischen Aussöhnung.

GfK setzt dabei auf das Aikido-Prinzip des Nicht-Streitens, d.h. der bewußten Vermeidung von Konflikten und Überführung von Konfliktsituationen in eine gemeinsame win-win-Situation. Es geht um nichts geringes als die Welt ein Stück weit gewaltfreier und somit lebenswerter zu gestalten.

Der Begriff »Gewaltfreiheit« in der GfK ist dem gleichnamigen Konzept von Mahatma Gandhi entnommen. In dessen Sinne möchte Rosenberg den Begriff verstanden wissen will – nämlich als Haltung und nicht als »reine« Technik. (Dies bildet z.B. den großen Unterschied zwischen Leo Tolstois Gewaltlosigkeit als Taktik und Gandhis Gewaltfreiheit als Lebenseinstellung.)

GfK als Giraffenkommunikation

In der GfK wird zwischen Wolfskommunikation, d.h. der gängigen, von uns betriebenen Form der Kommunikation, und der Giraffenkommunikation, d.h. der gewaltfreien Kommunikation, unterschieden. Der Vergleich mit dem Wolf liegt auf der Hand; der Bezug zur Giraffe hingegen bedarf einer kurzen Erläuterung. Die Giraffe ist das Landlebewesen mit dem größten Herzen und zudem der Fähigkeit, seinen Kopf um 360 Grad zu drehen – und somit den Überblick zu behalten. Diese beiden Aspekte sind für für das Konzept von grundlegender Bedeutung.

Die Grundlagen der GfK sind relativ schnell erlernbar – und weisen z.T. auch Überschneidungen zu beruflicher Kommunikation im Pflege- und Erziehungsbereich auf. Prinzipiell gibt es zwei spezifische Grundvorraussetzungen:

aufrichtiger Selbstausdruck (Authentizität)

respektvolles Zuhören

Kommunikation findet somit auf Augenhöhe statt, d.h. ich habe sowohl meine eigenen Bedürfnisse als auch die des/der Gegenüber/s als gleichberechtigt zu behandeln.

GfK beruht prinzipiell auf den folgenden vier Facetten:

Unterscheidung von Beobachtung und Bewertung (keine Vergleiche anstellen, Verzicht auf bewertende Verben und Adjektive, keine Zuschreibungen oder Verallgemeinerungen)

Gefühle (authentisch) ausdrücken (Ich fühle, dass….; keine Floskeln)

Bedürfnisse / Werte / Wünsche aussprechen (Bedürfnisse sind die Auslöser für positive / negative Gefühle.)

(konkrete) Bitte formulieren (Eine Bitte beinhaltet stets die freie Entscheidung der anderen Person, diese auch auszuschlagen.)

Konkret bedeutet dies, dass ich

eine Beobachtung äußere – statt eine Bewertung abzugeben –, d.h. ich drücke aus, was ich sehe – ohne dies in eine Bewertung zu verpacken;

meine diesbezüglichen Gefühle konkret ausdrücke – und nicht in bildlicher oder abstrakter Form; [Bei Gefühlen gilt es, generell zu unterscheiden zwischen positiven, d.h. befriedigten Bedürfnissen, und negativen, d.h. noch nicht-befriedigten Bedürfnissen, Gefühlen.]

meine konkreten, eigenen Bedürfnisse äußere, da ich nicht davon ausgehen kann, dass diese für die andere Person zugleich ersichtlich sind;[In Bezug auf die Bedürfnisse gilt es, sich auch vor Augen zu führen, dass es sehr unterschiedliche Arten von Bedürfnissen gibt, z.B. biologische, psychische oder soziale Bedürfnisse.]

statt die andere Person aufzufordern, etwas zu tun, formuliere ich wiederum eine konkrete Bitte. Dies sollte mit weniger als 50 Worten passieren.

Dabei versucht die GfK einen Ausgleich zwischen den eigenen Bedürfnissen / Wünschen, denen der anderen Person und in Bezug auf das Verhältnis zueinander zu finden. Die Nähe zur Konzeption sowohl des Aktiven Zuhörens als auch des auf Schulz-von Thun zurückgehende Vier-Ohren-Modell ist augenscheinlich.

Ähnlich wie im Vier-Ohren-Modell werden die unterschiedlichen Ebenen der Kommunikation (Sachaspekt, Selbstaussage, Beziehungsaspekt und Appell) explizit berücksichtigt und in der Kommunikation verbalisiert.

GfK setzt aber auch auf aktives Zuhören (nach Cael Rogers) in dem Sinne, dass empathisches und offenes Zuhören sowie eine positive Grundeinstellung der Person gegenüber. Ich betrachte den Menschen gegenüber nicht als Gegner oder Feind, sondern sehe ihn oder sie als gleichberechtigten Gesprächspartner mit legitimen Gefühlen und Bedürfnissen.

Erlernen von GFK

GFK ist erlernbar – sowohl in hierfür an Volkshochschulen, von Gewerkschaften und einzelnen Trainer*innen angebotenen Seminaren als auch durch Bücher. Eine Liste von zertifizierten Trainer*innen findet sich auf der Website gewaltfrei.de. Eine kleine Auswahl von empfehlenswerten Buchtiteln findet sich im angefügten Kasten. Die beste Methode zum Erlernen ist allerdings die stetige Übung und Reflexion. Sowohl die wertungsfreie Beobachtung als auch der Ausdruck eigener Gefühle ohne auf die klassischen Floskeln zurückzugreifen, sind eine Herausforderung.

Die Anwendungsmöglichkeiten von GFK sind zahlreich, um nicht zu sagen universell. Dies spiegelt sich in der Vielzahl von Fachbüchern wider, die sich auf mögliche Anwendungsbereiche spezialisiert haben – Erziehung, Pflege, Unterricht, Beziehungen, Bewerbungsgespräche, Feedbackrunden, Gewaltprävention, zivilgesellschaftliche Interventionen gegen Gewalt, spirituelle Ebene. Nicht alles davon ist im Sinne Rosenbergs – so wird bei der Anwendung im Vorstellungsgespräch die Einstellung von der Technik abgetrennt, aber davor ist wohl in der heutigen Gesellschaft kaum etwas gefeit.

GfK verlangt vom Individuum neben Offenheit und Empathie auch die volle Aufmerksamkeit, was wiederum auch heißt, dass ich, wenn ich merke, dass ich mich gerade nicht in der Situation befinde, mich auf ein Gespräch nach den Regeln der GfK einlassen zu können, dies auch kommuniziere und z.B. eine Verschiebung des Gesprächs oder der Diskussion eines heiklen Themas erbitte. GfK heisst also nicht, dass ich immer dafür bereitstehen muss. Wenn mein Kopf voll ist, ich müde bin oder gerade emotional belastet bin, kann ich dies auch kommunizieren und muss meine eigenen Gefühle nicht hinten anstellen. Es geht damit auch um die eigene Selbstwahrnehmung.

Grenzen der GfK

GfK ist natürlich kein Allheilmittel. GfK hat immanent einen elitären Impetus, da es grundlegende Kenntnisse der Sprache voraussetzt. Menschen, die eine andere Muttersprache haben, werden hier Schwierigkeiten haben – und drohen gegebenenfalls ausgegrenzt zu werden. GfK setzt beim Gegenüber zudem eine gewisse Empfänglichkeit voraus, d.h. die andere Person muss auch bereit sein, sich auf diese Form der Kommunikation einzulassen – und auch in seiner Situation ernst genommen fühlen. Der Versuch mit fremden Menschen – gerade in gewaltgeladenen Konfliktsituationen – mit GfK zu antworten, kann eine zusätzliche Eskalationsstufe bedeuten, wenn diese Person diese Form der Kommunikation als weiteren Stressfaktor wahrnimmt oder unter Rauschmitteleinfluss steht. Eine solche Situation ergibt sich vielleicht bei dem Versuch, GfK auch zivilgesellschaftlich einzusetzen.

Wenn man dies vor Augen hat, sollte man neben der GfK, die Priorität genießt, aber auch über Grundkenntnisse von klassischer Selbstverteidigung verfügen. Ein Beispiel für die Kombination von GfK und Selbstverteidigung stellen z.B. die Seminare vom »Team Gewaltmanagement« dar. Hier geht es um Gewaltprävention u.a. durch den Einsatz von GfK – verbunden mit praktischen Übungen für Selbstverteidigung in brenzligen Situationen, wenn die GFK versagen sollte.

 

 

Weiterführende Literatur (Auswahl):

Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens, Junfermann Verlag Paderborn 2010.

Andreas Basu, Liane Faust: Gewaltfreie Kommunikation, Haufe Freiburg 2013.

Klaus Dieter Gens: Einführung in Gewaltfreie Kommunikation (kostenloser Download: gewaltfreiforum.de/artikel/modell.php).

Wayland Myers: Die Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation. …. wie ich sie verstehe und anwende, Junfermann Verlag Paderborn 2006.

Friedermann Schulz-von Thun: Miteinander reden, Rowohlt Reinbek 1981.

Anne von Stappen: Gewaltfreie Kommunikation. Das kleine Übungsbuch, Trinity Verlag Berlin / München 2012.

Websites:

www.cnvc.org

www.gewaltfrei.de

https://coach-fuer-zivilcourage.de

https://coach-fuer-zivilcourage.de

 

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