Der Acker bleibt!

Foto: Regine Beyß

Landbau statt Logistikgebiet

In der Nähe von Witzenhausen – zwischen Kassel und Göttingen – haben Klimaaktivist*innen einen Acker besetzt, auf dem ein Logistikgebiet gebaut werden soll. Sie wollen die Pläne durchkreuzen und im Lokalen auf globale Probleme aufmerksam machen.

Aktionsgruppe »Acker bleibt!«

80 Hektar groß ist der Acker, den die Dietz AG zubetonieren will. Das entspricht etwa 100 Fußballfeldern. Er liegt in der »Ökolandbau Modellregion Nordhessen« und zählt zu den fruchtbarsten Böden Deutschlands. Was hier wächst, könnte auf Dauer Menschen mit lokalen Nahrungsmitteln versorgen. Doch die Gemeindevertretung Neu-Eichenbergs könnte bald den neuen Bebauungsplan beschließen und dem Investor grünes Licht für die Versiegelung des wertvollen Bodens geben. Die schwarz-grüne Landesregierung hat dem Projekt bereits zugestimmt – trotz des neu erklärten »Staatsziels Nachhaltigkeit« in der hessischen Verfassung.

In Neu-Eichenberg wächst hingegen die Ungeduld und Empörung über die geplante Zerstörung von Landschaft, Boden und Klima. Die aktive Bürger­i­nitiative (BI) hat bereits Demon­strationen, Info-Veranstaltungen und regelmäßige Mahnwachen organisiert. Zu den Höhepunkten zählten eine Rote-Linie-Menschenkette, an der fast 1.000 Menschen und über 30 Trecker teilnahmen, sowie eine Kran-Aktion mit 15 Meter hohen Bannern zur Verdeutlichung der gigantischen Ausmaße des Logistikgebiets. Dennoch schienen Kommunalpolitiker*innen und Investor Dietz bisher wenig beeindruckt. Es brauchte offenbar mehr, um die Pläne ernsthaft in Frage zu stellen.

Anfang 2019 haben sich Menschen aus der Umgebung von Neu-Eichenberg entschlossen, den Kampf gegen die Bodenversiegelung auch zu ihrem Kampf zu machen. Mit dem Mut zu ungehorsamen Aktionsformen und Inspiration aus anderen Kämpfen, z.B. dem Hambacher Forst, wurde der Acker am 4. Mai besetzt. Strukturen wie Küche, Zirkuszelt und Kompostklos wurden errichtet. Überhaupt wird hier viel gebaut und ausprobiert. Jeder Mensch bringt andere Ideen und Fähigkeiten mit und so entwickelt sich auch die Besetzung.

Mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Dorf wurden Tripods errichtet und Beete angelegt, in denen nun Kohlrabi, Salat und Fenchel wachsen. Weiter hinten stehen neu gepflanzte Apfelbäume, im Gewächshaus gedeihen Tomaten – zarte Anfänge lokaler Ernährungssouveränität in Selbstverwaltung. Der Wind wird stärker, alle ziehen die Reißverschlüsse ihrer Jacken hoch. »Wir sollten eine Hecke pflanzen«, meint ein Besetzer und überlegt bereits, wie sich Agroforst verwirklichen ließe. Langfristiges Denken – doch können solche Utopien hier Fuß fassen?

Schutz vor einer drohenden Räumung kann auch keine Hecke bieten. Diese Gefahr war besonders in den ersten zwei Wochen sehr präsent. Schließlich soll jede*r gut vorbereitet sein, falls eines morgens die Staatsmacht auf den Acker rollt. Wertvolle Bildungsarbeit für zivilen Ungehorsam, doch manchmal auch lähmend für kreative Prozesse an diesem schönen Ort.

Umso erleichternder war es, als die Besitzerin der Fläche, die Hessische Landesgesellschaft, am 20. Mai verkündete, dass die Besetzung geduldet bleibt. Ein Erfolg, der sicher auch den guten Netzwerken und der starken Unterstützung aus Neu-Eichenberg zu verdanken ist.

Die Besetzung ist schnell zu einem sozialen Treffpunkt geworden. Ein nicht-kommerzieller Freiraum für Begegnungen unterschiedlicher Menschen. Hier ist Platz für die spannenden Prozesse des notwendigen Systemwandels. Denn ein radikaler Systemwandel ist nötig, um die Ursachen des Klimawandels anzugehen. Die Ideologie von Wachstum, Kapital und Herrschaft steckt tief in uns und durchzieht alle gesellschaftlichen Strukturen. Diese produzieren ökologische und soziale Krisen, bedrohen unser aller Lebensgrundlage und zerstören schon heute die Existenzen von Menschen im globalen Süden. Ein Besetzer erklärt: »Für Klimagerechtigkeit zu kämpfen, bedeutet für mich, denjenigen zuzuhören, die am meisten von der Klimakrise betroffen sind und ihren Positionen hier vor Ort Gehör zu verschaffen. Eine Bäuerin aus der Küstenregion von Bangladesch würde niemals ein Projekt befürworten, dass die Klimakrise verschärft und den Meeresspiegel weiter ansteigen lässt. Doch sie hat keinen Einfluss auf die Entscheidungen hier im reichen Deutschland. Also will ich jeden Einfluss nutzen, um diese globale Ungerechtigkeit zu stoppen.«

Der Aufbau von Alternativen ist genauso Teil dieses Kampfes: »Wir wollen eine andere Art des Zusammenlebens«, meint eine Besetzerin. »Und die wird hier gerade auch so weit es geht gelebt. Wir kochen überwiegend vegan, treffen Entscheidungen im Konsens und achten aufeinander.« Der Kontakt zu den Dorfbewohner*innen ist gut, viele Spenden oder Infrastruktur wie Strom kommen aus Neu-Eichenberg. Auch immateriell tauscht man sich aus. Wenn der lokale Fußballclub spielt, stehen Besetzer*innen am Spielfeld­rand und Menschen aus der lokalen Bürgerinitiative machen die Besetzung zu einem Teil des Dorfes.

Die Stimmung in der Gemeinde ist angespannt. Der Konflikt um das Logistikgebiet besteht bereits seit 17 Jahren. Heute gibt es sowohl Stimmen, die sich für das Logistikzentrum aussprechen, als auch immer mehr Menschen, die sich trauen, Kritik zu äußern. »Es gab nie einen offenen Prozess«, kritisiert eine Dorfbewohnerin und findet: »Wenn wir als Gemeinde uns ehrlich gefragt hätten: ›Was brauchen wir?‹ und es wäre dieses Logistikzentrum rausgekommen, wäre das ja schön. Aber so war es eben nicht.«

Wie treffen wir als Gesellschaft Entscheidungen? Wer bestimmt über Land und was damit geschieht? Wo sind die Orte, an denen wir über Konflikte ins Gespräch kommen können? Fragen, die nicht nur Neu-Eichenberg beschäftigen. Vielleicht helfen Besetzungen bei der Suche nach Antworten.

Aktuelle Infos und Unterstützungsmöglichkeiten unter:

www.ackerbleibt.org

https://twitter.com/unserAcker

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