Als nachbarschaftliches Netzwerk den Alltag meistern

Foto: Lenkeit/Klässig

In Athen organisiert eine unabhängige Initiative ein breites Angebot für eine multikulturelle Nachbarschaft. Sie bekommt dabei viel Gegenwind von staatlichen und faschistischen Akteur*innen. Doch die Mitglieder glauben, dass eine radikale Veränderung nötig und möglich ist.

Anja Lenkeit und David Klässig, Köln

Das besondere an der Nachbarschaftsinitiative »Ameise« ist ihre Heterogenität: Das jüngste der 60 Mitglieder ist 15 Jahre alt, das älteste 70 Jahre. Es verbindet sie eine ähnliche Weltanschauung und der Glaube, etwas verändern zu können. Darum haben sie beschlossen, in ihrer Nachbarschaft damit zu beginnen und Räumlichkeiten angemietet.

Selbstorganisierte Nachbarschaftsinitiative sind in Griechenland ein relativ neues Phänomen. Zwar bestehen seit den Bildungsprotesten der 1990er Jahren soziale Zentren (»Stekia«) anarchistischer und anti-autoritärer Gruppen. Diese öffneten sich allerdings erst nach den Auseinandersetzungen im Dezember 2008 nach dem Tod des 15-jährigen Schülers Alexandros Grigiropoulos, der durch die Kugel eines Polizisten in Exarchia getötet worden war. Erst danach wurden die sozialen Zentren zu Orten der breiten Selbstorganisation.

Die »Ameise« im Stadtteil Kypseli wurde im Jahr 2012 von einigen Freund*innen gegründet, die zwar keiner einheitlichen politischen Strömung angehören, aber dringenden Handlungsbedarf sahen. Zu Beginn waren viele Mitglieder auch bei der Partei »Syriza« aktiv und schlossen sich dem Solidaritätsnetzwerk Solidarity4All an. Mittlerweile sind nur noch wenige Parteimitglied, und auch aus dem Netzwerk sind sie ausgetreten, weil es der Partei sehr nahe steht. Es besteht aber weiterhin ein loser Kontakt.

Heute arbeitet die Initiative unabhängig von Parteien und Kirche und kooperiert mit ebenfalls unabhängigen Antifa-, Antira- und Geflüchteten-Initiativen. Faschist*innen der Partei »Goldene Morgenröte« haben bereits die Haustür der »Ameise« in Brand gesetzt. Sie agieren gegen die Initiative, weil sich ihre Angebote auch an Geflüchtete richten. Zwar bietet die Goldene Morgenröte auch punktuell ähnliche Aktionen an, diese richten sich aber ausschließlich an Griech*innen. Mit der »Ameise« vergleichbare faschistische Einrichtungen für die Nachbarschaft existieren in Athen nicht.

Angebote für Kinder und Jugendliche

Besonders Kinder haben es im Viertel schwer: Es gibt keine Grünflächen, weshalb auch kein Gemeinschaftsgarten eingerichtet werden kann; auch Spielplätze sind Mangelware, jedoch stellen die öffentlichen Schulen ihren Schulhof nach Schulschluss zur Verfügung. Ab dem Alter von fünf Jahren besteht eine Kindergartenpflicht, aber die kommunalen, kostenlosen Plätze reichen nicht aus, sodass private Anbieter*innen ihre Leistungen kostenpflichtig anpreisen können. Deshalb werden in der Initiative Nachhilfe und Sprachkurse angeboten.

In einer Aktion wurden Laptops für Schüler*innen gesammelt. Zudem werden gespendete und gesammelte Lebensmittel sowie Kleidung an Bedürftige ausgegeben. Die Mitglieder versuchen, Märkte ohne Zwischenhändler*innen zu organisieren. Diese Märkte sind aus der im Februar 2012 gegründeten »Kartoffelbewegung« entstanden. Damals waren die Lebensmittelpreise enorm gestiegen – nicht nur aufgrund der erhöhten Mehrwertsteuer, sondern auch weil Händler*innen Lebensmittel künstlich verknappten. Aktivist*innen haben daraufhin mit Kleinbäuer*innen Kontakt aufgenommen und Kartoffeln ohne Zwischenhändler*innen direkt vom Lastwagen verkauft.

Mittlerweile gibt es Märkte mit allen möglichen Agrarprodukten, aber auch Kritik von den Bäuer*innen und Händler*innen, die nicht daran teilnehmen, weil die selbstorganisierten Märkte keine Abgaben zahlen. In Athen legt jeder Stadtteil fest, ob diesen Märkten ein Platz zugewiesen wird, so wird die nationale Erlaubnis teilweise konterkariert. Auch im Stadtteil Kypseli werden die Märkte auf diese Weise unterbunden und Zuwiderhandlungen mit hohen Bußgeldern belegt.

Unterstützung für Familien

Diese Märkte, Kinder- und kulturelle Feste sowie Basare in den Räumen der »Ameise« und Angebote zum gemeinsamen Kochen und Essen sollen die Nachbarschaft vernetzen. Die Initiative unterstützt mit ihren Angeboten dauerhaft rund 325 Familien in der Umgebung. Jede Familie hat eine feste Ansprechperson, sodass die Bedürfnisse der einzelnen Familien festgestellt werden können und Vertrauen aufgebaut wird. Nach der Ausgabe von Kleidung oder Lebensmitteln können Gespräche im selbstorganisierten Café geführt werden.

Ziel ist es, dass die Menschen, die Hilfe bekommen, auch aktiv in der »Ameise« mitwirken. Das funktioniert häufig nicht, da die meisten Menschen in dieser Lebenslage keine Zeit für ehrenamtliches Engagement aufbringen können. Gerne würden die Aktivist*innen mehr Familien unterstützen, aber es fehlt an Freiwilligen und Räumlichkeiten. Darüber hinaus bereiten ihnen die öffentlichen Abgaben Schwierigkeiten, da sie nicht als ein Verein eingestuft werden, obwohl sie ein eingetragener, gemeinnütziger Verein sind. Auf Nachfrage entgegnete ein Syriza-Vertreter, dass diese Abgaben sich auf die kommunalen Aufgaben wie Straßenreinigung und Abwasser beziehen würden, die für jede Mieteinheit zu zahlen ist. Diese Kosten sind seit den Austeritätsprogrammen jedoch drastisch gestiegen. Neben diesen Kosten zahlen sie sich selbst nach Bedarf ein gestaffeltes Gehalt. Um das Projekt zu finanzieren, sind sie auf Spenden angewiesen, welche auch aus dem europäischen Ausland kommen.

Im Gespräch sagte ein aktives Mitglied der Initiative: »Wir kreieren neue Alternativen in Griechenland. Wir wollen eine radikale Veränderung – und das schnell. Neun Jahre Krise sind genug, sie bedeutet unter der Politik der EU eine Verschlechterung für alle europäischen Länder, vor allem aber für Südeuropa. Diese Politik befindet sich in einer Sackgasse. Ich weiß nicht mehr, was die Troika mit Zustimmung von Syriza beschließt, es ist immer das Gleiche und es muss aufhören.«

 

 

 

Wir lernen reisend

Anja Lenkeit und David Klässig sind SozialwissenschftlerInnen, die im Zuge mehrerer Forschungsreisen selbstorganisierte Projekte in Griechenland und Spanien besucht haben. Das Ziel war es, mit den Beteiligten über die Themen Soziale Bewegungen, Selbstorganisation und Institutionalisierung zu sprechen, um sich ein eigenes, ungefiltertes Bild zu verschaffen. Im Sinne der Projekte und der dahinterstehenden Philosophien sind sie zu dem Schluss gekommen, dass sie diese für alle interessierten Personen zugänglich machen möchten. Jeden Monat stellen sie in der CONTRASTE eines der Projekte vor.

Link: https://wirlernenreisend.wordpress.com

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